Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Juli 1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 155 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir kreuzen jetzt die Allenbystraße. Sie zieht sich von hier aus bis zum Meere und ist schon jetzt eine der Hauptverkehrsadern der Stadt. Hier ist sie verhältnismäßig ruhig. Tel Aviv ist ziemlich ausgedehnt. Von der Herzlstraße bis etwa zum Haus der Histadruth im Nordviertel kannst du eine Dreiviertelstunde laufen. Die Straßen sind breit, häufig sind Vorgärten. Die Häuser im allgemeinen nicht hoch. Du hattest dir das Stadtbild viel häßlicher vorgestellt*? Ja, es ist merkwürdig, wie man die Stadt verlästert hat. Gewiß, eine eigene, bodenständige Baukultur wie etwa in Jerusalem wird man in dieser neuen modernen Häuseransammlung nicht suchen dürfen. Aber man braucht nur einen Vergleich zu ziehen mit Stadtvierteln in Europa, die ähnlich schnell in die Höhe geschossen sind. Denke nur an die Außenbezirke Berlins, die nach dem Kriege von 1870 in der sogenannten Gründerzeit entstanden sind. Dort hast du eine trübe seelenlose Massenanhäufung von Häusern, die geradezu deprimierend auf ihre Bewohner wirken muß. Hier hast du wenigstens ein Streben nach freundlicher Wirkung, wenn auch zugegeben werden muß, daß unsere Schönheit noch etwas nach Schminke riecht. Immerhin bietet die Stadt in den „älteren" Stadtvierteln, so etwa in der Herzl-, Nachlath Benjamin- und ihren Nebenstraßen, wo die Vegetation der Gärten und Alleebäume die Straßenfront belebt und zugleich vereinheitlicht, ein durchaus angenehmes Bild, das zusammen mit der Sonne des Südens eine lebensfreudige Stimmung schafft. Elektrische Bahnen gibt es nicht in Tel Aviv und es ist auch nicht anzunehmen, daß wir hier welche bekommen, obwohl neulich im Stadtparlament ein Revisionist einen solchen Vorschlag gemacht haben soll. Aber es hat sich hier ein so ausgedehnter x^utobusverkehr entwickelt, daß den Bedürfnissen völlig genügt werden kann. Palästina wird diese Stufe wahrscheinlich überspringen. In den Großstädten Europas kommt der Autobusverkehr zum Schaden der Straßenbahnen ja auch mehr und mehr auf. Da kommt gerade ein Autobus, der vom_ Merkas misehari, dem Handelszentrum, der „City", das ist das Viertel der Herzlstraße, nach dem Kasino, dem bekannten Eestaurant am Strande, verkehrt. Das ist die wichtigste Autoverbindung innerhalb der Stadt. Jede Fahrt kostet % Pt, also zehn Pfennig. Wie du siehst, folgen die Autobusse einander in kurzen Abständen und sind ganz gut besetzt. Es gibt ganz primitive Fordomnibusse und recht elegante, wie in Berlin. Der Betrieb liegt in den Händen von Arbeiter-Kooperativen. Natürlich kannst du auch als vornehmer Mann dir ein anderes Verkehrsmittel mieten. Die Pferdedroschken spielen da noch immer die größte Rolle. Sie sind überall zu finden und nehmen ein bis zwei Schilling für die Fa.hrt je nach der Länge des Weges. Dafür können zwei bis drei Personen befördert werden. Das ist für Europäer ja nicht viel. Die Straßen sind, wie du dich überzeugen kannst, im allgemeinen sehr gut. Meist aus Beton. Das seheint sich sehr bewährt zu haben. Wir sind inzwischen in die Lilienblumstraße eingebogen, eine hübsche, ruhige Straße mit Vorgärten, und sind jetzt an der Ecke der Nachlath Benjamin, ebenfalls eine Haupt- und Geschäftsstraße 155