Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Juli 1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 153 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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spazierte in jenen Tagen in allen Zerstreuungen Israels die zartlallende Zunge der Chibbath-Zion umher; zur Stunde der werktäglichen Dämmerung, da im Hause eine züchtige, verwaiste jüdische Magd die frohe Botschaft über den Pflug sang und von dem in der bloßen Vorstellung lebenden unförmigen Eisenklotz eine Andeutung zum Guten, zur Annehmlichkeit und Lebensweichheit forderte, — in dieser Stunde der Sehnsucht stand im Beth-Hamidrasch auf der Kanzel ein jüdischer Maggid, fremd und arm, und auch er leitete im Gleichnis vom Pflug alle nur erdenklichen Tröstungen für sieche Juden ab. Und dann, wenn der Maggid den fremden, vom Schammes für die Drosche geliehenen Tallis zusammenfaltete und in einer Ecke die paar Groschen zählte, die auf einem Teller an der Tür gesammelt wurden, war das Bild seiner Worte nicht gänzlich aus der Vorstellung der Hörer getilgt. Irgend ein Jude schüttete sein erregtes Herz vor seiner Frau aus, die ihm beim Abendessen ansah: „Ein Maggid hat heute im Beth-Hamidrasch gesprochen." Der Mann wurde nicht wie gewöhnlich aufgefordert, es näher zu erklären, ja er selbst wußte nicht einmal genau, daß all die sonderbaren Worte von den Tröstungen und Erlösungen, den weiten Wanderungen aus dem Galuth nach Erez Israel nur ein schönrednerisches Gleichnis sind, das mit einem Brotlaib endet, der aus in der Heimat gewachsenem Weizen gebacken wird. — Und noch setzt sich in demselben Haus die Kette der Träume fort: Der älteste Sohn kam um Mitternacht von einer zionistischen Versammlung nach Hause, wälzte sich vor Püle der Gedanken und Vorstellungen noch eine ganze Stunde schlaflos auf seinem Lager; sein Gehirn hatte eine Menge geheimnisvoller Zeichen für den Weg aufgenommen, der in die Zukunft führt. Aller Neuerungen müde, suchte er in seiner Phantasie zu der Endstation zu kommen, zur Kuhe zu gelangen, beim Anblick jenes letzten Geringen, von dem man sagte, daß es das Glück, die Erlösung, die Erneuerung des Lebens bedeute; — aber auch er sah nur im vorüberhuschenden Phantasieflug den Laib Brot, der der Erde entsprießt, die Jugend, die vielen gehörten Worte umschwirrten ihn, trieben ihn fort, gössen über ihn eine Art grausame trübe Oede. Und am nächsten, am übernächsten Tag bedeckte sich die jüdische Straße mit noch schwererem Nebel: unbegrenzte Phantasien, unerforschliche Lebensgleichnisse, undeutbare Zukunftslehren, all das drang wie etwas unwirkliches in das wenig geräumige Gehirn eines Kleinstadtjungen und breitete sich wieder wie leichter Nebel über den Köpfen vieler anderer Juden aus. Dann verschwand beinahe die kostbare Gestalt des Brotlaibes; aber jenes heimliche Sehnen, das der Anfang jeder Tat ist, von dem sich ein Weniges in Phantasienebel, breit wie das Meer, verwandelt — dieses namenlose Sehnen nahm von dir, goldener Brotlaib, seinen Ausgang! Du erscheinst hier einst unter Zehntausenden von palästinensischen Juden als ein Wunder. Deine obere Kruste war golden, deren Inneres gelb und weiß und du erschienst ganz wie die Deutung von etwas Kostbarem, wie jenes letzte Geringe, das das Ende alles Unverständlichen, jedes Eätsels und jedes Sehnens nach Glück bedeutet. Bevor du geboren warst, rühmte man dich und sagte dir Großes und Wunderbares nach, und da du erschienst, warst du zu frisch, zu neu, zu klar, um etwas von dem zu enthalten, was die 153