Mannheim
Compact Memory

Der junge Jude · 1928-07-01 · Heft 5 (Juli 1928) · p. Seite 151

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
1 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Juli 1928)
Date
1928-07-01
Page
Seite 151 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3497353-3497354-3497359--173-3525896
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Dichter findet sich arm und benachteiligt, er weiß von den Gestaden im fernen Norden zn erzählen, denen die strahlende 'Gabe der Sonne nur selten und spärlich zuteil wird, die diese ärmliche Gunst schamhaft und demütig dahinnehmen, um sich schmerzvoll und fürchtig an dem schwachen Licht zu laben, gleich einem ungeliebten Kinde, das selten von seiner Mutter geküßt wird. Der stille, trauergetränkte Abend kehrt in vielen Gedichten wieder, aber auch hier werden nicht Erscheinung und Bild an sich gepriesen, vielmehr ist der Untergang der Sonne ein Hinweis auf die Vergänglichkeit der menschlichen Kreatur („gestern streute die Sonne Licht und Wärme — nun kehrt ein Gestern, ob's dunkel oder helle ward, nie wieder — so ruhet tot das Menschenleben, ob s gut, ob's ärmlich ward vollbracht") und der ruhevolle Windhauch will den stillen, verhaltenen Seufzer des Menschenleids wiedergeben („die Abendwinde raunen still, gleich Geflüster einer traurigen Seele — nun tönen die verborgenen Gottesharfen wie eine Mutter, die dem müden Kind ein kummervolles Wiegenliedlein summt"). Wenn die weißen Schneeflocken langsam fallen, besingt der Dichter den Menschen, der — ob Knecht oder Herr — den Flocken gleich zur Erde fallen muß. Wenn ein Storch durch die Himelsweiten zieht, entringt sich dem Dichter ein Seufzer („neunfache Freiheit sind dem Storch zuteil geworden, uns aber blieb nur das Verlangen"). Manchmal rafft sich der Dichter eu einem halberstickten Freudensruf auf; es ist ein Regen sprühender Frühlingslichter, der sein Herz jauchzen läßt, aber bald ist's vorbei, denn die Melodie erstirbt und alle Träume welken stille hin. Der Zweifel, die Trauer, die Klage über die enttäuschten Träume führen zu einem Epikuräertum, den „Cape diem" eines gallig lachenden Bajazzo. Der klagende Tonfall hat nun eine satyrische, beißende Zuspitzung und das Lied klingt mit dem „Vanitas vanitatum" aus. Es dröhnen Spottgedichte über das erbärmliche Lumpenpack Mensch („jeder streckt vergnüglich seine Hand in den Haufen Dreck") über die baumlosen Stadtkäfige, über die Fäulnis („die Welt stößt den Speichel ihrer Altersschwäche aus") und Langweile („die Langweile wurde zur Trauer, die Trauer zur Sehnsucht"). Es quillt das Lied der Einsamkeit empor („das Leben — ein Traum, gut ist die Einsamkeit, der Mensch ist ein Scheusal, es ist gut einsam zu sein"). Auf diesem Leidensweg ist Steinbergs tiefe Lebensweisheit ausgereift. Diese tut sich in seiner Essaysammlung „E schimoth" kund. Zunächst soll nur über das Sprachliche gesprochen werden. Armut ist das Thema eines seiner früheren Gedichte („in meiner Hand ist ein Bündel von Kleinigkeiten, deren Schönheit blieb verdunkelt — einem Perlenzähler gleich bin ich meiner Hab1 verknechtet"). Der Dichter, der dem Eeiz von Klang, Schall und Farbe des Sprachlichen fremd blieb, konnte und mußte der Sprache ihre große Eigenschaft entlocken: ihre Gravität. Er war beflissen, seinen ärmlichen Sprachschatz in seinen tiefsten Schachten zu durchwühlen, auf den äußersten Grund des Wortes zu kommen, die erschöpfende Ausdruckskraft des Satzes zu ermessen, und so kam über ihn eine Fülle eigenartigen Sprachgutes, die Armut wurde ihm zum Reichtum. 151

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.