Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 32 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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Augenblick der Reform plötzlich stillhält, um sich über den Sinn der Freiheit klar zu werden. Man sieht die pädagogische, auf Freiheitsgewährung gerichtete Reform im Fortschreiten, man sieht die Schwierigkeiten, denen die Reform bei der Berührung mit dem Leben begegnet, man spürt auch, daß sich da und dort bei den Gegnern der Reform etwas von der Bereitschaft zeigt, in gewissem Umfange nachzugeben, da hält man mit Recht inne, um sich außerhalb des Kampfes an der Front "über den wahren Sinn der Freiheit in der Erziehung einig zu werden. Und man benutzt, vielleicht halb bewußt und halb unbewußt, die Vieldeutigkeit des Wortes Freiheit, das ja ein reines Beziehungswort zwischen zwei ganz beliebigen Dingen ist, die zueinander in dem Verhältnis von Nichtdur chdrungens ein voneinander stehen, dazu, um die verschiedenen neuen pädagogischen und psychologischen Systeme in Beziehung auf dieses Beziehungswort darzustellen. Aber wenn das Wort Freiheit ertönt, so entwickelt sich sofort auch die weltanschauliche Diskussion, die nach einer recht brauchbareren Unterscheidung, die auf der Konferenz gemacht wurde, in das Gebiet von der Freiheit als Ziel gehört, während die eigentliche pädagogische Auseinandersetzung sich mit der Freiheit als Mittel zu beschäftigen hat. Vom Weltanschaulichen her war insbesondere das Referat von Elisabeth Rotten bedeutungsvoll: „Freiheitsverlangen ist vielleicht das stärkste, allen Menschen gemeinsame Urerlebnis. Freiheitsgewinnung ist ein lebenslanger Prozeß, das Mittel dazu Erziehung." „Freiheitsgewähr anderen gegenüber ist ein sittlicher Akt, eine soziale Aufgabe, ein Prüfstein für unsere Mitmenschlichkeit." „Freiheitsgewinnung für uns selbst ist ein religiöser Akt, eine geistige Tatbandlung, durch die wir unser Verhältnis zum Ewigen, zur Einheit alles Lebens finden und immer neu orientieren/' Bei Elisabeth Rotten dient der Gedanke von der Befreiung des Kindes, „das Kind innerlich frei zu machen dazu, um den Kräften der Freiheit, der brüderlichen Liebe und der Friedfertigkeit der Menschen Bahn zu schaffen." In den letzten Sätzen kommt etwas von der Grundhaltung der Konferenz zum Ausdruck, die eine ausgesprochen pazifistische gewesen ist. Der pazifistischen Gesinnung stand aber keine eindeutige soziale gegenüber, so daß dem pazifistischen Gedanken seine Schlagkraft, seine letzte Ueberzeugungsmöglichkeit, vor allem seine Einreihung in die Wirklichkeit oftmals fehlte. — Von zwei verschiedenen Seiten suchten die psychologischen Schulen der Psychoanalyse und der Individualpsychologie das Kind und den Jugendlichen zur Freiheit zu führen. Für die Psychoanalytiker sprach Dr. Pfister. „Viele Kinder leiden an Hemmungen, die sie verhindern, gemäß Einsicht und Gewissen zu handeln, und sie zwingen, ihnen zuwiderzuhandeln. Die Psychoanalyse findet den Ursprung dieser Hemmungen in Verdrängungen, (Abschiebung starkbetonter Vorstellungen und Wünsche ins Unbewußte), durch welche der Trieb verhindert wird, sich direkt und offen zu äußern. Aus Verdrängung entsteht eine Triebfixierung, aus dieser eine Zerspaltung der Persönlichkeit in Bewußtes und Unbewußtes, damit aber auch unter Umständen eine Vergewaltigung des bewußten Strebens, eine Aufhebung der formalen Freiheit. Der psychoanalytischen Erziehung gelingt es häufig, die Zerklüftung zwischen Bewußtsein und Unbewußtem aufzuheben, die wahren Absichten des unbewußten Gegenwillens zu entlarven und unschädlich zu machen." Von einer wesentlich sozialanalytischen Einstellung aus ging Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, an das Freiheitsproblem heran. Alles menschliche Verhalten geht auf den Geltungswillen zurück. Die stäkste Einbuße erfährt der Geltungswille durch das Minderwertigkeitsgefühl. Das Minderwertigkeitsgefühl muß kompensiert werden, indem sich der 32