Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 26 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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an und rief heimlich: „Oh, was ist dir?" Uri wandte die Augen von ihr ab, denn er fühlte, daß sie feucht wurden: „Wozu all die Aengstlichkeit", brachte er hervor, „ich habe ein wenig Kopfweh, das wird wohl gleich vorüber sein." Das war das erstemal, daß er sie, seine Hadassah, belog. — Seine Stimme bezeugte es. . . Der Glanz ihrer Augen war plötzlich erloschen und ein dunkler Schatten hatte sich auf ihrem Gesichte niedergelassen. Einen solchen Schatten hatte er noch nicht auf ihrem Gesicht gesehen. Er wußte nicht, was er tun solle, wie er ihn vertreiben könnte . . Warum sprach er nicht, flehte er nicht, sondern blickte, blickte nur wort- und tatenlos in ihr Gesicht? Warum fiel er nicht auf seine Knie vor ihr nieder, küßte nicht ihr Kleid? . . In diesem Augenblick, der so unendlich lang dauerte, fühlte er die Goldfäden, die sie bis jetzt so schön verbunden hatten, einen nach dem anderen reißen. Die letzten Kräfte verließen ihn. Hadassah sprach kein Wort mehr, erhob sich und verließ ihn. Uri blieb allein, still den Schritten Jsraels und Hadassahs, die sich entfernten, lauschend. Er weinte und verzehrte sich seine Seele nach ihr: „Hadassah, Hadassah, verzeih mir! . Schakalgeheul Was war mit Hadassah? Abend für Abend ging sie mit Jsrael hinaus, um in den Bergen und Fichtenreihen zu wandern, auf Wegen und wegelos umherzuirren. In den nunmehr wenigen Augenblicken, die die Drei beisammen waren, drängte sie zu singen. Das Singen war ihr eine Art Zuflucht. In diesen Momenten schien ihm manchmal ein durchbohrender Klang in ihrem Lied, besonders übermütige und fröhliche Klänge, die ausbrechen und der Freiheit entgegenjubeln, die in ihrer Freudigkeit gegen alle Ketten sich auflehnen, auch wenn es Ketten der Liebe sind . . . Freiheit . . . Hatte er sich wirklich so an ihr versündigt? Wird sie ihm nie mehr verzeihen? Haßt sie ihn? . . Diesmal erfaßte sein Ohr nicht, was nicht zu hören gegeben war: die feuchte Träne im fröhlichen Lied Hadassahs. Und einmal, als er nachts erwachte, erinnerte er sich, hob den Teppich und trat heimlich zu ihr. Lange stand er stumm ihr zu Häupten. Eine sonderbare Furcht ergriff ihn. Er wagte nicht, sie zu wecken. Was ahnte sein Herz in dieser Stunde? Was schmerzte so, als er sie schließlich leise beim Namen rief? Ihre Augen waren, als sie sich öffneten, nicht klar . . . Oh, weshalb öffneten ihr euch, bevor Uri noch von euch gegangen warf Mit besonderer Vorsicht hielten ihre beiden Hände unter ihrem Kinn die Decke, die über ihr lag. Und wie kalte Wassertropfen fielen ihre Worte auf sein Herz und lagerten darauf: ,,Uri, laß mich schlafen . . ." Bis Tagesanbruch lag Uri mit verhaltenem Haß gegen sich selbst rücklings auf seinem Lager. Am Morgen fühlte er Kopfschmerz und stand 26