Mannheim
Compact Memory

Der junge Jude · 1927-11-01 · Heft 1 (November 1927) · p. Seite 27

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
1 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (November 1927)
Date
1927-11-01
Page
Seite 27 (sequence 29)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3497353-3497354-3497355--031-3525864
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nicht zur Arbeit auf. Jsrael fragte, was ihm sei; er antwortete nichts . . Am Tage begann er im Fieber zu sprechen. Hadassah, im Hause beschäftigt, kam einigemale zu ihm, aber er vermochte ihr nicht ins Gesicht zu sehen und schloß jedesmal die Augen. In Augenblicken der Erleichterung erinnerte er sich nicht mehr dessen, was er gesagt hatte. Einmal, im Halbschlummer, hörte er wie verhaltenes Weinen draußen, und als er seine Augen öffnete, stand sie neben ihm und erneuerte den Umschlag . Ihre Augen — zur Seite, und sie selbst meilenweit ferne von ihm. Am Abend, als Jsrael von der Arbeit zurückkehrte und beide draußen aßen, erinnerte sich Uri plötzlich jenes fernen Abends auf der Tenne mit dem Erbeben des ersten Glücks, das er damals fühlte und das sich nicht mehr wiederholen sollte . . Jener Ruhe und großen Stille erinnerte er sich, die damals zu beiden und für beide sprach . . Nach ihr ist seine Sehnsucht und in ihr sein ganzes Leben! Wie gut wäre es, wieder in den Schatten ihrer Fittiche zu kommen und nicht wieder zu den Stimmen des Lebens zurückzukehren, das ihn so quälte . . Stimmen des Lebens . . Er ist ihrer müde! Denn siehe, Klang und Widerhall, selbst wenn sie harmonisch sind, schmerzen und verwunden ihn. Nur nach der einen, einzigen und eigenartigen Stimme der leisen Stille sehnte sich seine Seele immer und immer . . Hadassah wird er nicht mitnehmen . . Nein, denn auch in ihr hatte er sich getäuscht — allein wird er dieser Stimme entgegengehen! — Plötzlich wurde ihm so eigentümlich, leer und leicht in all seinen Gliedern. Seine Lippen, die vor Hitze brannten, bewegten sich, seine Augen, die tief eingefallen waren, hafteten an einem Punkte. — Er erhob sich. „Geh zu Uri, es ist ihm schwer", flüsterte plötzlich Hadassah Jsrael zu, während er noch aß. Er spuckte den Olivenkern aus und ging gemächlich ins Haus. Hadassah blieb draußen, ans Gras gefesselt, ihr Gesicht in die Hände gestützt. „Uri!" — wurde die vorsichtige und leise Stimme Jsraels hörbar: er steckte dort ein Zündholz an und blieb eine kleine Weile. Aber bald kam er heraus, und während er noch an der Türe stand, sagte er mit seiner sicheren Stimme: „Uri scheint hinau . . ." er endete nicht. Sie hob ihren Kopf und ihr Gesicht hatte nicht mehr denselben Ausdruck. Von ferne, wie eine verfolgte Waise oder eine verstoßene und auf ewig verlorene Seele, Heulen, Heulen des Schakals — und links, neben der Tenne aus irgend einem dunklen Winkel, hört man einen kurzen und trockenen Schuß. „Uri!" brach ein Schrei hervor, der die Farm und die ganze Kolonie aufschreckte. Aber niemand erkannte in ihm die zarte Stimme Hadassahs. Auch Jsrael verstand nicht, woher er hervorbrach . . . . . Sie waren die ersten, die Uri fanden. Er war noch warm. In seiner erstarrten Rechten war die neue Pistole Jsraels. Sein Gesicht war blaß und sein eines Auge halb geöffnet. Als Hadassah es küßte und schloß, war 27

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.