Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 24 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3497353-3497354-3497355--028-3525861- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Uri!" . . Und sie zog ihn leise an ihre Brust. — So groß waren ihre Augen, so traurig, und ihre Schultern, die Schultern der jungen Hadassah, entblößt . . Es schien, daß sein Besuch zu dieser Stunde sie nicht in Staunen versetzte und daß sie viele Nächte ihn hier erwartet hatte . . Unendliche Zartheit kam gleich nach dem Sturm, wie Regenstäubchen kam sie, die angenehme Zartheit der Ermattung. Was kann das Herz noch erfreuen, wenn der blasse Tag anbricht, ■der immer näher kommt? Ist nach diesem Nachtgesicht noch ein „Morgen" möglich, mit eiligen werktägigen Dingen, mit gestörten, glanzlosen Blicken, mit den Sorgen jenes ganzen „Lebens" . . Aber auch diese Nacht ging vorüber und der blinde Tag kam an •die Fenster, bückte sich und blickte ins Zimmer. Glück Neunzig Tage lang lauschten Hadassah und Uri allabendlich der leisen Stille, die ihnen seitdem aufgegangen war . . Vereint sogen sie den Lichterglanz der Abenddämmerung ein, indem sie zu jenem schweigenden „Felsen des Kusses" hinaufstiegen, wo ein stolz-wilder „Dom", breit und ästereich, Wurzel schlägt und sie vor aller Augen birgt. Nur vereinzelte Sterne, leichte Winde und Cyklamendüfte fanden den Weg zu den Engverschlungenen, um sie durch behutsame, zarte Berührung trunken zu machen. — Ganze halbe Nächte zogen so an ihnen vorüber. In stummer Sprache, lautlos, liedlos . . Als ob nicht noch ein Dritter mit ihnen wäre, dessen Name Jsrael ist. Denn in diesen neunzig Tagen tat Jsrael seinen Mund nicht auf, um in ihrer Gesellschaft zu singen. Nach drei Monaten, am Sabbat, vor Sonnenaufgang, trat Hadassah an Jsrael heran, nahm sein Gesicht zwischen ihren beiden kleinen Handflächen, und indem sie es ganz nahe gegen ihr Gesicht hielt, sprach sie zu ihm mit leiser Stimme, mit anmutigem Ernst und schelmischer Ueberlegenheit: „Tu mir die Ehre an, Jsrael, mein Lieber, und gratuliere mir ., Denn ich bin kein junges Mädchen mehr . . Wie lange und warum sollst du es nicht wissen . . Ich . . ich bin bereits Mutter, Mutter, Jsrael!" — In diesem Augenblick erblühte zarte Röte auf ihren Wangen, aber ihre Augen waren tief und leuchtend. Das Antlitz Jsraels erbleichte und seine Augen weiteten sich; bevor er noch ein Wort sagen konnte, kam auch •Uri herbei. Da legte Hadassah ihre beiden sonnengebräunten Hände um den Hals der Bachurim, drückte beide an sich und legte auch die Hand Uris auf die Schulter Jsraels und schwieg. — So standen die drei eine Weile umschlungen — verwirrt, und die Sprache ihres Herzens, das jetzt in Freundschaft zusammenschlug, wurde ihnen besonders deutlich hörbar. . Ruhe herrschte im Zimmer. Auf dem Fenstersims, auf Tisch, Fußboden, Wand spielten Sonnenstrahlen und vergoldeten auch Hadassahs wirre Locken. Als erster rüttelte sich Jsrael auf; kräftig drückte er beide an sich, küßte Uri kurz und heiß, Hadassah lang und innig und seine Augen wurden feucht. Gleich darauf ging er behutsam hinaus. Als ob er fürchtete, die Reinheit des stillen Glückes zu stören. 24