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Der junge Jude · 1927-11-01 · Heft 1 (November 1927) · p. Seite 23

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Journal
Der junge Jude
Volume
1 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (November 1927)
Date
1927-11-01
Page
Seite 23 (sequence 25)
Language
German
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Noch war der Morgenstern nicht aufgegangen, als sie sich dem Hause näherten. Das Haus war still und durch die offene Tür drang das Dunkel der Nacht ins Innere, „Gut, daß morgen Sabbat ist", dachte Hadassah, „und nicht viel Arbeit". Sie standen noch umschlungen an der Türe. Einsames Schakalgeheul störte plötzlich die Stille. Hadassah erschauerte und schmiegte sich noch enger an Uri. Beide horchten auf, wie rechts und links, nah und fern sich Trauergesang und Klage erheben, wie die Nacht vor ihrem Scheiden, vor Aufgang der Morgenröte, ein Klagelied über ihren Tod anstimmt . . Das war eine wilde Symphonie hysterischer Stimmen und wahnsinnigen, zügellosen Lachens, zorniger Flüche und unterwürfiger Klagen gegen den Himmel, aus Verzweiflung ohne Hoffnungsstrahl, und grausamen Siegesgeheuls . . „Gehen wir hinein", flüsterte Hadassah abgerissen. Aber Uri rührte sich nicht vom Platze. Und so schienen die Schakale plötzlich wie gar nicht gewesen. . . Neben der Türe blieben sie stehen, und ihre Lippen, die sich wieder gefunden hatten und aneinander hingen, wollten sich nicht mehr trennen. So standen sie lange. Gemeinsam und vorsichtig gingen sie so hineia und erst der unruhige Schlaf Jsraels und sein rasches Schnarchen schreckten sie auseinander. Sturm Aus der Ferne brach auch schließlich jene Nacht hervor. Der durstigen Brust der Erde näherten sich Sturmwolken; die Blitze wurden siebenfach größer, stumm wie vorher. Aber ferne Donner ziehen schon ringsum im Kreis und verbreiten Schrecken. Jsrael übernachtete nicht im Hause. Noch gestern abend war er in die nahe Kolonie gegangen, zum „Abend", und dort war er geblieben. Auch sie sollten gehen, aber der in der Luft schwebende Sturm hatte sie daran gehindert. Am Abend war dann plötzlich irgend ein Hindernis eingetreten; Hadassah war traurig und seltsam und ging früh schlafen. Spät in der Nacht öffnete Uri seine Augen. Was war ihm geschehen? Draußen strömte der Regen — der gesegnete Frühregen; der Lärm des auf Dach und Fenster schlagenden Wassers ließ das Rollen des Donners verstummen. Wer hat ihn geweckt? Wie wenn ein elektrischer Strom seine Eingeweide durchzuckt und seine Adern entzündet, ihn von Sohle bis Scheitel geladen hätte . . . Er kannte sich nicht mehr. Leise richtete er sich auf und war wie einer, der noch träumt und den Willen eines Höheren tut. Er erhob sich und stand wie betrunken . . Die stumme» Blitze fascinierten ihn, diese blassen Funken waren es, die ihn geweckt hatten, ihm die Ruhe nahmen und ihn plötzlich um Mitternacht aufschreckten. — Nicht er war es, der seine Hand nach dem Vorhang ihres Zimmers ausstreckte, nicht er, der auf ihr Bett niedersank, und nicht seine Lippen waren es, die lispelten und leise ihren Namen riefen! . . Hätte er es gewagt? Er erinnerte sich deutlich ihres gegen das unaufhörliche Leuchten der Blitze gewandten Antlitzes, auch ihres halben Halses, ihrer runden, weichen Schulter, rechts, über der Decke . . „Hadassah I", rief er ein zweites Mal und senkte seinen Kopf an ihr Ohr. Da öffnete sie die Augen. 23

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