Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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mir — drei", verteilt sie die Mandeln, die sie gebracht hatte, und ihr Lachen ist verhalten und herzlich; das Erbeben einer neuen Saite schien Uri darin zu entdecken. Sie setzt sich, — und wieder legte das Geheimnis der Nacht den Finger auf ihren Mund . . Ringsum Stille, aber gewaltiges Wirken wird aus der Dichte der Nacht fühlbar. Dort in den aufhorchenden Tiefen werden die Grundfesten der Erde und die zukünftigen Dinge enthüllt und wieder verschlungen . . Was ist dort? Das Schicksal Uris ist noch nicht entschält — er ist so bedacht, die wunderbare Stille durch nichts zu stören, er will sich nicht rühren! So süß ist es, den Kopf Hadassahs zu fühlen, der diesmal auf seiner Schulter ruht, mit ihr zusammen dem zu lauschen, das ihn und sie beherrschte und für das es eine Sprache nicht gab. Wer gäbe doch, daß er sich davon nicht mehr zu trennen brauchte! Aber Hadassah rührte sich. Sie schält die Mandeln und gab sie ihm zu essen. Mit geschlossenen Augen öffnet er den Mund und empfängt: eine, zwei, drei, vier, fünf — sie gab ihm wohl auch die ihren . . Wie ist sie doch heute! Endlich entschließt er sich, die Augen zu öffnen. Da blickten ihm, in seiner Seele innen, ihre Augen entgegen, stummes Licht und verhaltene Wärme ausstrahlend . . . „Jsrael, singen wir!", sagt sie und drängt sich an Uri. „Ja, singt!",, bringt auch Uri heraus. Und sofort verstummt er. Einen leichten Schatten von Unaufrichtigkeit fühlt er plötzlich in seiner Stimme. Aber Jsrael war inzwischen jede Lust zum Singen vergangen. Er ist auch müde und will schlafen, so sagt er, und in der Tat hat er heute schwer gearbeitet. Er möchte ausruhen. Und Jsrael stand auf und verschwand zwischen den Garbenhaufen der Tenne. Aus der Stille der Nacht, die sich wiederum grenzenlos ausbreitete, hört Uri den Herzschlag Hadassahs, die ihm plötzlich so nahe war. Am verschwommenen Horizont blinkten jetzt unablässig stumme Funken auf, Verkünder des kommenden Winters. Sie machten das Geheimnis der Stille noch größer. Erstarrt war der weite Raum, aufrauschend, wundersam, mit Zeichen und Deutungen beladen. Sieh, dort reißt sich ein einsamer Stern los . . Und es irrt die Seele ohne Ausdruck und sehnt sich, auch sie, zu wandern, sich irgend wie zu rühren . . „Komm!" — Bewegten sich die Lippen Uris unbewußt, er erhob sich, ohne es zu wissen, und mit ihm auch Hadassah , , Und sie gingen . . Wohin? sie fragten nicht. Wie Verzauberte schritten sie. Und beim Anstieg auf den Berg schien es ihnen, daß sie in das Tal, das unter ihnen liegt, nicht mehr zurückkehren werden, und daß sie seit je zusammen waren, so Schulter an Schulter, Arm in Arm dahinschritten, der Körper Hadassahs fest an ihn geschmiegt in der Stille . . Und als sie unter einem stummen Kalkfelsen standen, und sich plötzlich ihre Lippen und Blicke in einem hungrigen und endlosen, süßen und erfüllungslosen Kusse fanden, da fühlten sie die Wirklichkeit des Wunders . ., das sie noch nicht entzückt hatte. Auf einem der Kalksteine, auf dem sie in dieser Nacht saßen, flüsterte sie ihm einmal ins Ohr: „Uri, wie schön bist du und ich wußte es nicht . ." — Weiter sprach sie nichts. Und als reine Silberfäden sich in den dunklen Mantel der Nacht wirkten und die ersten Morgengeister erwachten und ihre leichte Kälte umherbliesen, erwachten auch sie. 22