Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 21 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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So hört Uri zu- Und es ist ihm wohl. Nur über eines staunt er: Warum und wozu kommt Hadassah, wenn das Lied zu Ende ist, zu ihnv Uri, und nimmt seine beiden Hände in die ihren, warmen, sieht ihn mit fragendem, lachendem, leichtem Blicke an und entschwindet, indem sie: Schlafengehen! sagt, so schnell in der Türe des Hauses? Wie sonderbar und angenehm ist dies! Er konnte es sich nicht erklären- Und während Jsrael aufstand und ihr nachging, blieb er noch allein in der Nacht, lauschte dem Plätschern des Kinnereth-Sees und dem stummen Liede der Sterne. — Sein Lied aber blieb im Busen verhalten. Stille Wen liebt sie? Auf der Straße und in der Arbeiterküche schwebt auf aller Lippen beim Anblick Jsraels und Hadassahs: „Ein Paar, vom Himmel für einander bestimmt", und schon oft hat man gefragt, ob man nicht „Massel-tow" wünschen dürfe. Aber wer wäre so töricht, dies alles zu glauben? . . Freilich, so oft war davon gesprochen worden, daß es Hadassah beinahe selbst geglaubt hätte; und in der Tat: durchzieht sie nicht ein Beben, ein wahres Glück, wenn seine leise, weiche, tiefe Stimme um ihre helle, laute Stimme schwebt, sie herzt und umschlingt? . . Und was hat sie sonst im Leben? Und trotzdem . . Sie hatte noch keine Zeit gefunden, Zwiesprache, von Angesicht zu Angesicht, mit ihrem Herzen zu halten . . Und wozu sollte sie überhaupt diese gute, süße Ungewißheit verjagen? . . . Und wenn nicht jener Abend gewesen wäre, an dem er ihr Herz leise öffnete . . Wie war es zu diesem wundersamen Abend gekommen? . . . Leise, leise hatte sich nach dem Sterben des Tages die Dämmerung ausgebreitet. Wortlos war der Tag gestorben- Die Sterne funkelten auf und neigten ihr lauschendes Ohr. In erwartungsvollem Zauber war der Kinnereth erstarrt, und wunderlich lag die konturlose Ferne. Ueber allem war die große Stille gebreitet, voll überirdischer geheimnisvoller Laute, jene Stille, die manchmal aus höheren Welten herabsteigt, um sich im Schöße der Erde und in der lechzenden Menschenseele niederzulassen . . . Aber an das mit Klängen des Lebens getränkte Ohr Jsraels rührten die Laute der Stille nicht; er enthörte ihr nichts, er wollte andere hören lassen, nach seiner Gewohnheit, wie gestern und ehegestern, Jubel erwecken. Uri unterbrach ihn diesmal: „Bitte, schweig doch!" Und Jsrael verstummte. Und in der nicht-durchbrochenen Stille begann plötzlich in Uris ganzem Körper ein Strom neuen Glücks zu brodeln- Seit wann war er gekommen und woher? Wohl von der Hand Hadassahs, die die seine hält . . Wohl von einem leichten, weichen Kusse, der schwebend kaum seine Stirne berührte . . War das zuvor, was jetzt hier in der Finsternis ist? Warum ist Uris Herz wach und jubelt erneut in seinen verborgenen Tiefen? Er weiß es nicht . . Er schließt die Augen und sammelt sich, um die Süße des Augenblicks hinzuziehen- Sie erhob sich und ging ins Zimmer; und wieder ist sie draußen, neben ihm; „dir — zwei, dir — zwei und 21