Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 20 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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sich auf die Decke gelegt, die Hadassah über die Matte gebreitet hatte, und zu ihren Häupten: des Mädchens weißes Kissen, Und wieder, wie immer, ihr Haupt in Israels Schoß und ihre Rechte die Hand Uris fassend. Sie sangen ein wenig — und schliefen ein. — Um Mitternacht weckte sie Hadassah und sagte: „Nun, schlafen, schlafen, Kinder!" Und jeder ging zu seinem Lager. Lied Beide gehörten Hadassah. In ihrem Innersten bargen sie das Lied ihres Leben . . Aber während das Lied Jsraels eine frische lebendige Stimme hatte, war das Lied Uris stumm und in seinem Busen verhalten, ohne Ausdruck und Sprache. Jeden Abend, wenn sie von der Arbeit heimkehren, erschallt nach dem Mahle, das Hadassah unter freiem Himmel bereitet, das Lied in der Stille der Nacht . . Rein, weich und vielfarbig erzittert es und in ihm spiegelt sich, wie eine erbebende Weide am Weiher, die empfindsame und von leichtem, gleichmäßigem Schmerz bewegte Seele Jsraels . . Er schöpft aus ihrer Tiefe alles Köstliche, Verborgene, Fromme und wie könnte man ihn in dieser Stunde nicht lieben? Und Uri — seine Ohren lauschen gespannt, er sitzt schweigend — er kann nicht singen. Leise, leise, still, still erheben sich die traurigen Klänge und sie, Hadassah, ist zwischen ihnen, die Hand Uris in ihrer Rechten, ihr Haupt auf der breiten Schulter Jsraels ruhend, ihre Augen halb geschlossen. Ihr ganzes Leben ist das Lied, und wie liebt sie diese Augenblicke nach getaner Arbeit! Manchmal singen sie gemeinsam, Jsrael und Hadassah. „Singen wir: Beschadmoth Beth-Lechem!" beginnt sie und wendet sich ihm zu, indem sie Uris Hand ganz ausläßt. Sie beginnen. „Es ist besser, wenn du den Ton etwas tiefer nimmst", rät er, „du kannst sonst „Tahale jefath-mareh" nicht nehmen." — „Gib doch du mir den richtigen Ton, nie kann ich ihn ohne dich finden!" — Und Jsrael gibt ihn ihr. Uri fühlt, daß ihr Jsrael in diesem Augenblick die Welt und alles, was in ihr ist, gibt, denn mit diesem einen Ton öffnet er ihr Herz und nimmt aus ihm ihr verborgenes Geheimnis . . Sie singen und Uri hört zu. Die erste Stimme läßt Jsrael Hadassah und singt selbst die Begleitung. Und Jsrael versteht zu begleiten! Vielerlei und eigenartige Bilder erheben sich in Uris Phantasie. Es scheint ihm, als ob das nicht mehr zwei Stimmen sind, sondern als ob sie selbst, Jsrael und Hadassah, tanzten, Hand in Hand, im Gleichschritt, Fuß an Fuß, leicht, im Takte . . . Sie steigen empor, ziehen vorbei und entschweben im Wirbel des Walzers . . Und manchmal scheint es ihm, als ob von den ewigen Bergen sich die Stimme einer zu den heiligen Tempeln des Gesanges wahllfahrtenden Pilgerin erhöbe, oder als ob er plötzlich so klar und nahe ihrer beiden Seelen sich zu einer verschmelzen sähe, seit sich all ihre innersten Geheimnisse vor ihnen auf getan haben; umarmt und vereint heben sie sich auf seidenem Teppich und schweben im endlosen Himmelsblau, bis sie dem Auge entrücken. — 20