Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 19 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3497353-3497354-3497355--023-3525856- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
fürchte mich vor dir!" lacht sie. „Vielleicht wirst mich von der Arbeit entlassen?" „Sicherlich werde ich dich entlassen, solche Arbeiterinnen brauchen wir nicht", antwortet er in ihrem Tone. „Und das hast du gesehen?" sie macht ihm mit den Fingern eine lange Nase. „Uri wird es dir nicht erlauben! Uri, hörst du?" Uri, mit dem Setzstock in der Hand, arbeitet in einiger Entfernung, über die Furche gebückt, in die eben Wasser strömte. Er setzt. Neben ihm ein Korb und in ihm, unter schwarzer feuchter Erde, die zarten hellgrünen Setzlinge der Eierpflanzen und Tomaten. — Die Sonne ist eben erst aufgegangen. Wach, still liegen die Berge Naphtalis. Der alte Hermon blickt von seinem hohen Sitze herab und sein silbernes Lächeln gleitet überallhin . . Die Luft ist so rein . . Die Arbeit verschlingt unversehens den halben Tag, bis Mittag. Dann gehen zwei nach Hause: man muß so noch Setzlinge bringen. Einer bleibt, um das Wasser zu beaufsichtigen. „Ich werde bleiben" — erklärt Uri: wie er will. Seine Portion werden sie ihm hierher bringen. Sie nehmen die leeren Körbe und gehen. — Uri bleibt. Das Plätschern des sprudelnden Wassers schläfert ein und wiegt ihn in Träume. Sein Blick eilt an ihnen vorüber, ohne sie zu sehen, seine Gedanken schweifen in die Ferne und allerlei Bilder der Vergangenheit durchziehen, gestalt- und zusammenhangslos wie diese Wolken, seinen Kopf. Das Antlitz seines Bruders kommt auf ihn zu, die Gestalt seiner Mutter, die er viele Jahre nicht gesehen hat, — wie geht es ihr? . . Alle russischen Bilder sind halbverwischt, aber besonders klar und nahe sind die Gestalten Hadassahs und Israels aus dem vergangenen Winter . . Dort, im Süden des Landes begegneten sie sich zum erstenmal. War die Begegnung nicht schön? Vom ersten Augenblick, vom ersten Worte an fühlten sie jene intime seelische Schlichtheit, die sie bis heute nicht verlassen hat. Dort verbanden sich ihre Seelen, dort träumten sie ihren Traum und von dort beschlossen sie, ihre Schritte nach dem Galil zu wenden, um gemeinsam zu arbeiten und zu leben — und sieh, bereits nennen sie am Jordanufer ein Stück gepflügtes, abgestecktes, gefurchtes und durch ihre eigene Hand bezeichnetes Land ihr Eigen und in der Farm wächst an ihrem Hause eine schöne Pflanzung . . . . Hadassah ist gut! Manchmal freilich ist sie böse auf ihn, auf Uri, wegen seiner besonderen Unbeholfenheit in praktischen Dingen. Aber schnell laßt sie von ihrem Groll ab, und dann ist es so gut, so gut! . . Das Wasser fließt nach Herzenslust, steigt an, strömt über und gelangt an Plätze, wo es nicht sein soll. Und Uri . . Was hatte er nur heute? Erst als das Wasser schon „bis an den Hals" ging, rüttelt er sich auf und eilt, die vielen Durchbruchstellen auszubessern und den Strom in sein Bett zurückzuleiten. Abends sitzen die drei müde und zufrieden neben ihrem kleinen Haus, Heute haben sie nicht wenig fertig gebracht! Wenn es nur weiter so geht, Den Salat und die Oliven hatten sie bereits gegessen, auch die Sauermilch getrunken, die Israel unterwegs gekauft hatte (Gekochtes gibt es diesmal nicht, denn die Wirtin hat selbst auf dem Felde gearbeitet) und hatten 19