Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 16 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Bis heute hat sich demgegenüber eigentlich gar nichts geändert, nur die Zeit der Erziehung hat sich verlängert bis zum 14., 18., 20. und 25. Lebensjahre. Gesellschaftliche Erziehung wird von der Geburt des Kindes an geübt z. B. durch die Kleidung, durch die Tageseinteilung des Lebens des Kindes. Die Eltern müssen es so machen, wie es in den Berufs- und Gesellschaftsverhältnissen üblich ist, in denen sie leben. Das Kind folgt also nicht seiner eigenen Autonomie, sondern es unterliegt der Heteronomie, der Fremdherrschaft der gesellschaftlichen Kräfte. Wegen der Verlängerung der Erziehungszeit ist die Erziehung nicht mehr so brutal, sie ist humanisiert. Der Erziehungsprozeß ist unerkennbarer geworden. Der Zweck der Erziehung ist, der Gesellschaft möglichst viel Kinder zuzuführen, die den Anforderungen der Gesellschaft entsprechen. Welche Rolle spielt innerhalb der gesellschaftlichen Erziehung die Jugendbewegung? Die Jugendbewegung opponierte gegen die Vergewaltigung der Seele des Kindes durch die Schule, der Jugendführer vergewaltigt aber genau so oder noch mehr, denn seine Erziehung ist wirksamer, man kann sich seinen Einwirkungen nicht entziehen^ der Lehrer ist eine gesellschaftlich gesetzte Institution, der Jugendführer wird geliebt, er wird freiwillig anerkannt. Heute sind die Jugendführer Repräsentanten der Gesellschaft, unsere Jugendbünde sind anerkannt, der Jugendführer ist ein anerkannter Beamter der Jugendbewegungsorganisation. Die Führer der Jugendbewegung sind von der Gesellschaft akzeptierte Nebenerzieher. Der Unterschied zu den übrigen gesellschaftlichen Erziehungsinstitutionen ist minimal geworden: der Jugendführer ist Kulturträger gegenüber den Jugendlichen wie der Lehrer, er will wie der Lehrer das Triebleben der Jugendlichen beeinflussen. Der Lehrer aber erhält seine Zielsetzung vom herrschenden Kulturideal, sie darf nicht in entscheidendem Widerspruch mit der Zielsetzung der Gesellschaft stehen, sonst wird ihm sein Lehramt entzogen. Auch in der Jugendbewegung wird gesellschaftlich erzogen, der Jugendführer nimmt zwar sein Mandat aus sich, doch vom Kulturideal, sonst wird auch ihm sein Handwerk gelegt. Autonomie im objektiven Sinne ist also nicht gegeben, sie kann nur subjektiv gegeben sein; zur Erreichung des möglichst größten Nutzeffektes der Erziehung ist es nötig, den größten Anschein der Freiheit entstehen zu lassen. Ich habe behauptet, daß die Gesellschaft sozusagen eine Anerkennung der Jugendbewegung ausgesprochen hat. Was ist aber Gesellschaft? Man geht hier fälschlicherweise von der Behauptung eines einheitlichen Kulturwillens aus, die Gesellschaft besteht aber aus vielen Kulturidealen; im wesentlichen bestehen zwei Klassen mit zwei polar entgegengesetzten Kulturidealen: das Kulturideal des Bürgertums verlangt, daß das Proletariat möglichst weitgehend seinen des Bürgertums Zwecken nutzbar gemacht wird, das Proletariat wird verlangen, daß die Unterdrückung möglichst gering bleibt, schließlich aufgehoben wird. Die Erziehung der sozialistischen Jugendbewegung darf also keineswegs wie die bürgerliche Ge- 16