Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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der Kongreß nahm diese Rede mit stürmischem Beifall auf — nicht nur auf der Linken, sondern überall fühlte man, daß das zionistische Gewissen aus Ruppins Munde sprach. Unter denen, die ihm demonstrativ Beifall klatschten, war auch der Präsident der zionistischen Bewegung, Chaim W eizmann. Am nächsten Tag, in der Sitzung des Permanenzausschusses, kam W eizmann, der seine innere Zustimmung zu Ruppins Plan kund tat — und schlug die neue Exekutive vor. Und dieser Widerspruch zwischen dem Beifall für Ruppin und der vorgeschlagenen Exekutive, die nur errichtet werden kann durch die Zerstörung des Ruppinschen Werkes, offenbarte sich hier in einer Persönlichkeit. Es beweist jedoch inneren Kampf im „allgemeinen" Zionismus. Wie erklären wir diese Erscheinung? Wenn die Arbeiterbewegung mit einer kleinen Minderheit zum Kongreß gekommen wäre und ihren Einfluß — trotz ihrer geringen Zahl — auf die Leitung der Geschäfte geltend gemacht hätte, und wenn sich hiergegen das bürgerliche Lager erhoben hätte, um alle Macht den Arbeitern zu entreißen, wenn wir gesehen hätten, daß der allgemeine Zionismus sich in einer klaren Klassenstimmung gegenüber der Arbeiterschaft befände, dann ja, dann wäre dieser Abschluß des Kongresses verständlich. Aber das war ja garnicht die Stimmung des Kongresses. Wer diese Haltung in und um den Kongreß zu analysieren sucht, der wird sich überzeugen, daß die Angriffslust gegen die Arbeiterschaft bereits im Abflauen war. Man ist der Arbeiterfeindschaft müde geworden. Wohl noch auf keinem Kongreß hat man dem Arbeiter so viele honigsüße Reden gehalten wie auf diesem. Auch aus dem Munde von Leuten, die mit Arbeiterhaß die Brunnen zionistischer Erkenntnis vergiftet haben, hörte man diesmal Worte der Entschuldigung. Und sogar der Misrachi, der nach seiner frommen Art versuchte, aus der ,,Abtrünnigkeit" der Arbeiter Kapital zu schlagen, sogar der Misrachi tat diesmal seine Schuldigkeit in Komplimenten gegenüber dem Arbeiterchaluz. Woher kam dann auf der anderen Seite der Umschwung, der die „allgemeinen" Zionisten keinen anderen Ausweg suchen ließ als „Aenderung der Ordnung", Auflösung der Koalition und „neue Männer". Das beruht meiner Ansicht nach auf sozusagen biologischen Ursachen. Im letzten Jahrhundert trat die Judenheit in das Stadium politischer, weltumfassender Organisation. Viele Anfänge und Versuche gab es seit der Alliance der Anglo-Jewish Association bis zu den Chowewe Zion und dem politischen Zionismus. Jeder dieser Versuche erlebte seine Jugendzeit, seine Reife und sein Alter. Heute ist uns der Begriff Alliance verbunden mit der Vorstellung von Assimilation, von Kampf für französische Kultur, von greisenhafter verschimmelter Bürokratie usw. Aber die Alliance hatte auch andere Zeiten, die Zeiten Cremieux's, die Zeit des Versuchs der allweltlichen Organisierung der Judenheit zum Kampf um ihre Rechte. Heß und Kalischer sahen darin den Anfang zionistischer Verwirklichung. Die Alliance hatte einen Karl Netter und das Werk von Mikwe Israel. Aber das Schicksal brachte es mit sich, daß die „Alliance" ein Symbol der inneren Knechtschaft bei „äußerer Freiheit" wurde. Als diese Form alt wurde, suchte sich der Gedanke der Erlösung ein neues Gewand. Es kam 5