Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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einen neuen Charakter zu geben, nicht weil man bemerken soll, daß wir auf die Bühne getreten sind, sondern weil die fortentwickelte Idee des sozialistischen Zionismus den ihr gemäßen Träger auch in der Galuth sucht und braucht. Unsere gesamte Arbeit und zum kleinen Teil auch diese Zeitschrift, müssen dazu dienen, uns bereit zu machen, im gegebenen Augenblick die Verantwortung und Last dieser Arbeit zu übernehmen, der Idee ihren Träger erwachsen zu lassen. BERL KATZNELSON: NACH DEM KONGRESS (Aus einem Vortrag, gehalten im Beth-Haam in TeUAwiw) Das Urteil der Arbeiterschaft über den Kongreß und seine Folgen ist noch nicht ausgesprochen worden. Für uns aber gibt es nichts Schlimmeres, als ein unklares Mißbehagen, als Unkenntnis der wahren Situation. Auch wenn wir unterlegen sind, ist es besser, daß die Oeffentlichkeit es weiß und ihre Folgerungen daraus zieht, daß sie sich nämlich hinter ihre Delegierten stelle oder sie verurteile, auf keinen Fall aber darf die Verwirrung und in deren Gefolge Verzweiflung und Enttäuschung andauern. Ich weiß, daß in der Oeffentlichkeit der Inhalt des Kongresses und alles, was aus ihm erwachsen wird, durch ein Geschehnis unklar gesehen wird: durch die Wahl der neuen palästinensischen Exekutive. Dieses Ereignis verhindert die völlige Klärung der Fragen des Kongresses. Wir müssen es von der psychologischen Seite her zu erklären versuchen. Wie war es möglich, daß ein Kongreß, der in seiner großen Mehrheit, seiner Einstellung und seinen Tendenzen nach, gegen die neue Leitung war, mit solchen Wahlen beendet werden konnte? Zur Erklärung dieser Tatsache will ich ein kleines Bild wiedergeben, das im gewissen Sinne symbolisch war. Ruppin hielt auf dem Kongreß ein Referat über die Fragen des Aufbaues. Es war das Referat eines Mannes, der 18 Jahre lang die Kolonisationsarbeit geleitet hat und der diesmal als Privatmann sprach, was seiner Rede eine besondere Bedeutung verleiht. Denn in gewissen Kreisen behauptet man gern, daß die Leiter der zionistischen Institutionen ihre Herrschaft auf die Unterstützung der Arbeiter gründeten und deswegen ihnen nach dem Munde redeten. Diesmal sprach ein Mann, der nicht im Begriffe stand, ein leitendes Amt zu übernehmen. Hier sprach einer der erwählten Männer des Zionismus, der Rechenschaft ablegt für seine Person und für die Bewegung. Ein Mann, in dem praktische Erfahrung mit hoher Bildung und Ideenreichtum sich vereinigten. Ein Mann, der den tiefen Sinn der Dinge sucht. Und zum ersten Male seit der Existenz der zionistischen Bewegung versuchte dieser Mann in knappen Worten den Erfahrungsschatz des Zionismus zu erfassen. Hier war vor allem die Wertschätzung des arbeitenden Menschen, seines Werkes in den Moschawim und Kwuzoth zu spüren. Der Wirtschaftler stellte in den Mittelpunkt der Dinge die Seele und den Enthusiasmus des Arbeitenden, und 4