Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 1 (1898) Basel, 29. bis 31. August 1897
- Issue
- 29. bis 31. August 1897
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 103)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal issue
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Juden in Osteuropa erst dann begreifen, wenn wir über die Geschichte der Juden in Polen im Mittelalter im Klaren sein werden. Die osteuropäischen Juden sind doch die polnischen Juden. Die Geschichte der Juden in Polen war im ganzen und grossen der in Westeuropa ähnlich. Wir wollen nur auf zwei besondere Eigenthümlichkeiten hinweisen, in Polen gab es grosse, sogenannte „königliche" und kleine dem Adel unterthänige Städte. In den „königlichen" Städten lebten deutsche Colonisten, die allein im Besitze des Bürgerrechts waren. Leibeigne, Ehrlose und Juden konnten keine Stadtbürger werden l) und durften daher in den Grosstädten kein Handwerk betreiben2) und Warenhandel nur insofern ihnen die Erlaubnis dazu seitens des Stadtbürgerthums vertragsmässig eingeräumt worden ist.3) In den kleinen dem Adel unterthänigen Städten konnten sie dagegen ihr Leben als Kleinkrämer und Handwerker fristen.4) Sie waren aber dort eine vom Adel rechtlich und ökonomisch abhängige „plebs ultimae classis."5) Der Adelige war der Herr der Juden mit einem ius vitae ae necis,6) der Adelige war sein hauptsächlicher Kunde und konnte den Juden als sein Werkzeug, als Wucher- oder Schankwirtjuden zur Ausbeutung der Bauern brauchen. — Diese kurze Schilderung kann uns genügend erklären, weswegen jetzt noch in den kleinen Städten der ehemaligen Republik Polen eine aus Kleinhandwerkern, Kleinkrämern u. dgl. bestehende jüdische Bevölkerung lebt. Wir können nun zur Schilderung der gegenwärtigen Lage der Juden in Osteuropa übergehen. Wir werden uns hauptsächlich auf Lithauen und Südwestrussland beschränken. Für diese Länder haben wir ganz genaue statistische Zahlen in der vortrefflichen Schrift des Petersburger Professors Subottin, der wir auch folgen werden. Die Verhältnisse in den übrigen Ländern sind jedenfalls keine besseren. Die traurige Lage der Juden in Galizien und Rumänien haben wir soeben von den Herren Dr. Salz und Pineles gehört. Vor allem aber noch ein kurzes Wort. Als Voltaire sein Pamphlet gegen die Juden veröffentlichte, da kamen einige reiche portugiesische Juden und behaupteten: Voltaire hätte in seinen Ausführungen Recht, insofern er über die deutschen Juden urtheilt. Dieses feige Benehmen der grossen Herren aus dem vorigen Jahrhundert hat System gemacht. Mancher satte westeuropäische Jude glaubt noch heute das Recht zu haben, auf seine armen polnischen und russischen Brüder mit Steinen zu werfen. Herr Alfred Naquet „will sogar glauben, dass die Juden in Russland und Rumänien eine jämmerliche und gemeine Rasse ^Bandtkie: Prawo prywatne polskie, S. 116. 2) A. a. 0. S. 129. 3) A. a. 0. 123 und Kraushaar: Historja zydöw w Polsce: S. 88. 4) Kraushaar A. a. 0. S. 21 und Bandkie A. a. 0. S. 129. 5) Bandtkie: Histojra prawa polskiego, S. 541. fi) Kraushaar A. a. 0. S. 16, und Bandtkie A. a. 0. S. 290 und 637.