Mannheim
Compact Memory

Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1898-01-01 · 29. bis 31. August 1897 · p. Seite 87

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
1 (1898) Basel, 29. bis 31. August 1897
Issue
29. bis 31. August 1897
Date
1898-01-01
Page
Seite 87 (sequence 89)
Language
German, English, Hebrew
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3476254-3476255-3476257--0437-3525643
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 87 - Wege möglich, durch die Wiedererhebung der jüdischen Nation zu einem Staat syolke. Man hört sehr oft mit grossem Gelehrten-Applomb behaupten, dass der Zionismus nur durch den Antisemitismus als Rückschlag gegen denselben hervorgerufen sei. Nun ist ja nicht zu leugnen, dass das Anwachsen der zionistischen Bewegung zusammenfällt mit dem Anwachsen des Antisemitismus, und der Sehluss liegt nahe, dass der Zionismus nur yon der Gnade desselben lebe. Und doch wäre das ein arger Fehlschluss. Man muss sich nämlich nur daran erinnern, dass jede Bewegung Ursachen und Anlässe hat, mittelst der ersteren ihre Pioimiere, mittelst der letzteren ihre Truppen heraiiziehend. Der Zionismus aber kann stolz yon sich behaupten, dass alle, die an seiner Spitze standen und stehen, entweder bereits längst über die antisemitischen Anlässe hinausgewachsen oder von allem Anfange an yon .der Anomalie der jüdischen Volksexistenz ausgegangen, das heisst yon der Sehnsucht nach einem normal fortschrei-, tenden, nationalen Culturleben erfüllt sind. Insoferne sind sie die Nachfolger einer grossen Reihe yon Männern vergangener Jahrhunderte, die ^dieselbe Sehnsucht hatten. Nur, dass sie unter glücklicheren Sternen geboren sind, als ihre Vorgänger, nicht etwa, weil ihnen der Antisemitismus zu Hilfe kommt, sondern, weil sie ein durch die europäische Ciyilisation für ihre Zwecke reif gemachtes Volk zur Verfügung haben, was jene nicht hatten. Solange nämlich die aufsteigende Ciyilisationsbewegung aus dem Ghetto ins Lager Europas bloss eine sehr geringe war, konnte eine zionistische Strömung keine Aussicht auf Gelingen haben. Denn es fehlte ihr ein Volk, das stark wollen konnte. Das lernt man im Ghetto nicht. Dieses kennt bloss dasT Sehnen. Erst als durch den Massenaufstieg zum Europäismus im Westen, wie im Oste eine Generation erstand, die yon der abendländischen Ciyilisation mit ihren grossen thatkräftigen Nationen das Wollen erlernt hatte, war die Bahn für den Zionismus geebnet. Jetzt gab es keinen anderen Weg mehr. Es war nur mehr eine Frage der Zeit, wann der Zionismus sich durchsetzen und die kurzlebig zur Welt gekommene Assimilationsyerirrung niederringen musste. Zugleich war hiedurch die Zukunftsentwicklung des jüdischen Volkes untrennbar mit der europäischen Ciyilisation yerknüpft. In ihr war ja die ■^Tochter Israels erst mannbar geworden, in ihr erst dem Bräutigam entgegengereift. Der Bräutigam aber, der künftige Gatte, der sie zu einem neuen, fruchtbaren, lebengebärenden Leben erwecken soll, ist das eigene Land. &— Der Mangel des eigenen Landes ist es, der die Anomalie der bisherigen Volksexistenz der Juden verschuldet hat. Ohne eigenes Land ist der Europäismus der westlichen Juden unfruchtbar, ohne eigenes Land ist die nationale Cultur der östlichen Juden im Stillstand yerblieben. Das eigene Land her und aus den Juden des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.