Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 1 (1898) Basel, 29. bis 31. August 1897
- Issue
- 29. bis 31. August 1897
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 87)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal issue
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- 85 - ihren Austritt aus der Ghettocultur begeben sie sieh ihres nationalen Culturgepräges. Sie nehmen aber auch nicht Nationalität und Cultur eines anderen Volkes an. So führen sie nun eine scharf abgegrenzte Sonderexistenz, doch ohne eigenen Charakter. Ihr leiblicher und geistiger Habitus ist ein anderer, als der der Völker, unter denen sie wohnen, aber er ist nicht, wie bei diesen, in ein Lebenssystem gebracht. Es ist das etwa so, wie bei Leuten, die wohl zu irgend einer Beschäftigung eine besondere Befähigung mitbringen und sich dadurch yon ihren Mitbürgern unterscheiden, aber es nicht zu einem festen berufsmässigen Betriebe, zu einer Concentration ihrer Fähigkeiten gebracht haben. Die Sachlage ist also die, dass die europäischen Juden nichts besitzen, womit sie der europäischen Civilisation ein ihnen angepasstes individuelles Leben geben könnten. So lernen sie wohl manch' civilisatoriseh Wertvolles von ihr, aber sie schaffen nicht mit eigener Seele neue cultur eile Werte aus ihr. Im Gregentheil. Weil sie sie anders als die Anderen, weil sie sie als Abstractum sehen, werden sie zu schweren Täuschungen und Missgriffen verleitet. Zunächst halten die meisten, wie dies schon Menschenart, ihre ,Unregelmässigkeit für die Regel. Daher kommt es dann so häufig, dass sie sich den Europäismus als nationenloses W vorstellen, während er in Wirklichkeit nur in ihnen ohne Nationalität ist. Dadurch tragen sie in die sociale Bewegung, an der ihr schöpferisches Gefühl sonst so segensreichen Antheil hat, ein ungesundes Element. Stärker national fühlende Menschen werden dadurch unnötigerweise abgestossen und geradezu dem Chauvinismus in die Arme getrieben. Selbst diejenigen aber, mit welchen die weltbürgerliche Propaganda leichteres Spiel hatte, wenden sich bald wieder unbefriedigt von den jüdischen Agitatoren ab. Dann ist die moderne Erscheinungsform des alten Judenhasses da, der ausgesprochene oder verschämte Antisemitismus, der instinctive Wider- " _ ' «feÄää^ - < ^jJ^L^Aller, der Gesättigten sowohl, als der Enterbten, gegen*naTe------ Volkslosen, die Unbestimmbaren, die Verdächtigen. Noch schlimmer ist es, wenn sich die europäisierten Juden durch ihr abstractes Europäerthum zwar nicht zu weltbürgerlichen V Phantastereien verleiten lassen, aber es dafür mit reinen Verstanden- C~ au^en ^ansehen. Dann wird es ihnen zu der auf einigen Culturmumien ruhenden nakten? modernen Wirtschaftlichkeit. Es entstehen jene armen und reichen Juden, deren Gott das Geld ist. Solcher Mammonsdiener gibt es freilich auch genug, vielleicht ebenso viele bei anderen Völkern. Aber sie können dort nicht so corrumpierend wirken, weil ihr plumper ISrützlichkeitsStandpunkt im Volke mächtige eulturelle Gegengewichte findet. Und ausserdem, den anderen werden sie höchstens nachgerechnet, bei uns thut man dies nicht, weil man uns wehrlosen Fremden nachsagt, wir seien alle so kalte, gemüthlose Kechenmenschen. Also wieder Stoff für den Antisemitismus. 4