Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 1 (1898) Basel, 29. bis 31. August 1897
- Issue
- 29. bis 31. August 1897
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 86)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal issue
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deutschen Jargon sprechenden, die drei Viertheile des jüdischen Volkes ausmachen — haben eine nationale Individualität, die sich in Tracht und Sprache, in Literatur upd Kunst, in Sitte und Brauch, im religiöse]!, socialen und Reehtsleben ausdrückt, das heisst sie besitzen eine eigene Cultur. Aber diese ihre Cultur ist aus Ursachen, auf die ich noch zurückkommen werde, keine fortschreitende. Sie hat keine Entwicklung mitgemacht. Sie ist sich gleich geblieben seit zwei Jahrtausenden. Wohl haben sich auch im Ghetto Bewegungen gezeigt, die man auf den ersten Blick als normale Culturfortschritte deuten könnte — das ganze Mittelalter hindurch ebenso wie in der Gegenwart. Und in dieser besonders. Man denke nur an den grossen Aufschwung der Jargon-Literatur und an das Jargon- Theater. Doch sieht man näher zu, so findet man, dass hierin gar nicht von innen stammende und im Innern verlaufende Fortschritte der ostjüdischen Cultur gelegen seien, sondern dass man es hier bloss mit einer aufsteigenden Civilisationsbewegung, die übrigens bis zu einem gewissen Grade mit der aufsteigenden Classenbewegung innerhalb der Judenheit zusammenfällt, zu thun hat. Es findet kein cultureller Fortschritt, sondern ein Fortschreiten aus der Cultur und ein Hineinschreiten in die europäische Oivilisation statt. Selbst die neuhebräische Literatur trug vor dem Auftreten des Zionismus den Charakter einer blossen Ueberleitung zum Europathum an sich. Diesem streben immer neue Scharen von Eigeneulturjuden zu, die Zahl derer vermehrend, die schon längst bei ihm angekommen sind. Nun aber zeigt sich das Wunderbare, dass auch mit diesem Uebertritte die national-culturelle Anomalie der Juden keineswegs beseitigt ist, sie wird nur anderer Art. Um uns davon zu überzeugen, wollen wir zunächst das Wesen dessen fesstellen, was man europäische Civilisation nennt. Gewöhnlich spricht man von europäischer Cultur. Dieser Sprachgebrauch führt zu mancherlei Illusionen Er gewöhnt uns, an eine gemeinsame Individualität aller modernen abendländischen Nationen zu glauben, das heisst, uns ein Weltbürgerthum zurechtzuzimmern oder von einer neuen gesammteuropäischen Nation, die in Bildung begriffen sei, zu sprechen. Beides ist grundfalsch. Die europäische Civilisation besteht aus zwei Elementen, aus den Niederschlägen vergangener Culturepochen verschiedener Völker und aus den Wirkungen der gemeinsamen ökonomischen Verhältnisse der civilisierten Nationen. Das zweite Element ist das hervorstechendere, aber jedenfalls heben beide die Nationalität als solche nicht auf. Im Gegentheil, die europäische Civilisation kann ihrer gar nicht entrathem Der Europäismus ist ein grandioses Räderwerk, in das jedes Volk erst den Lebenshauch seiner * nationalen Individualität, seiner nationalen Cultur einblasen muss, damit es sich für seine (des Volkes) Zweke in Bewegung setze. Und nun wissen wir, warum auch die europäisch gewordenen Juden eine Anomalie im Culturleben der Völker darstellen. Durch