Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 1 (1898) Basel, 29. bis 31. August 1897
- Issue
- 29. bis 31. August 1897
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 75)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal issue
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Wir haben die Wohnungen in Outsch- und Dor-Bunar an einem Frühlingstag nach einem starken Regen besucht. Was für jammervolle und himmelschreiende Gebilde! Um von einem Haus in das andere kommen zu können, mussten die Leute baarfuss bis ans Knie im Wasser spazieren. Und das Innere der Zimmer! Die Minderlouks, das Hausgeräth, oder wenn irgendwo ein Tisch oder gar eine Kinderwiege steht — das alles im Wasser schwimmend. Und diese herzzerreissenden Erzählungen ihrer Einwohner. Wenn ein starker Regen während der Nacht beginnt, müssen die Leute ihre Ruhestätte - den Fussboden - verlassen und wach auf dem Posten stehen, erwarten, ob sich der Feind — das Wasser — zeigt. Ist dies der Fall, verlassen sie die Wohnungen, überlassen das Hausgeräth seinem Schicksale, bis die Feuerlöschmannschaft oder eine Soldatencompagnie das Wasser von den Strassen in irgend welchen Canal geleitet, resp. aus den Zimmern ausgepumpt hat. Das ist das Eldorado der Juden im jüngsten Staat Europas. Die in tellectuelle Entwickelung. Wie gross die Bedeutung des wirtschaftlichen Factors in der heutigen Gesellschaftsordnung und sein Einfluss auf die sociale Lage des einzelnen Individuums sein mag, so wird man doch andererseits nicht leugnen können, dass Vieles auch von der intellectuellen Entwickelung abhängig ist, und wollen wir jetzt deshalb der Frage über den Cülturzustand der Juden in Bulgarien nähertreten. Wir müssen da mit Verwunderung constatieren, dass die Bulgaren während des 19 jährigen Bestandes ihres Staates colossale Schritte auf dem Wege ibrer intellectuellen Entwickelung gemacht haben. Mit einer unerhörten Energie suchten sie während eines kurzen Zeitraums das einzuholen, was sie während der fünf Jahrhunderte langen Knechtschaft versäumt haben. Ganz Bulgarien ist mit einem grossen Schulennetz bedeckt, eine Menge junger Bulgaren geht auf Staatskosten ins Ausland, um sich dort in allen möglichen Special- Fächern auszubilden. Leider kann der Bulgare, dank der Reaction, die jetzt überall herrscht, dank den gegenwärtigen, ethisch ungesunden Zuständen Bulgariens, auch wenn er die Universität absolviert hat, während seines Aufenthaltes sogar in Culturländern nicht um das Geringste die Eigenschaften seines Charakters mildern. Wenn aber bei den Bulgaren die moralische Entwickelung ganz und gar nicht Schritt mit der intellectuellen hält, so sind die Juden nicht einmal in letzter Beziehung vorwärts gekommen. Es sind da verschiedene Momente im Spiele, wie wir das später sehen werden. Jedenfalls ist es Thatsache, das die einheimische j üdische Bevölkerung noch bis jetzt sehr wenige Repräsentanten moderner europäischer Bildung zählt. Die Zahl der Analphabeten ist übrigens nicht grösser als bei den anderen Nationalitäten, die in Bulgarien leben. Nach den dürftigen statistischen Angaben von 1863, die bei den Eheschliessungen festgestellt wurden, gibt es unter den Männern