Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 1 (1898) Basel, 29. bis 31. August 1897
- Issue
- 29. bis 31. August 1897
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 74)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal issue
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einen Flächeninhalt von 16—20 Quadratmeter hat. Wenn wir in Betracht ziehen, dass die Höhe der Zimmer selten 1-8 Meter überschreitet und dass in einem Zimmer sich mehrere Individuen befinden, werden wir den Schluss ziehen dürfen, dass ihre Einwohner nicht einmal genug verpesteter Luft bekommen. Es ist fast gar kein Mobilar in den Zimmern. Rund um die Wände stehen türkische Bänke (Minderlouks genannt) und wir müssen auf den Knien unser Notizbuch halten. Alles schläft immer auf dem Fussboden, und zu diesem Zwecke werden Polster von einer Rumpelkammer herausgeholt. Kein Wunder, dass bei diesen Umständen der häusliche Herd die Brutstätte des Lasters wird. Wir beeilen uns aber mitzutheilen, dass die Bewohner dieser Häuser fast ausschliesslich ihre Eigenthümer sind. Es würde also Jemand, der ohne Weiteres den europäischen Masstab anlegen will, sagen müssen, dass von einem jüdischen Proletariat in Bulgarien gar nicht die Rede sein kann. * Nun gejpen wir uns noch die Mühe, zu sehen, wie diese Leute leben. Die jährlichen Einnahmen schwanken zwischen 500—1000 Francs, und davon verzehren die Leute monatlich 18—25 Francs für Brod, 8—12 Francs für Gemüse, 8—12 Francs für Fleisch * 0 und 5—10 Francs für Getränke. Am meisten sind die Leute Schnapstrinker Schon dieser Umstand allein, dass der Hauptposten der Ausgaben auf das Brod fällt, dass das Fleisch, obwohl es billig ist, in einem sehr geringen Quantum consumiert wird, liefert den Beweis hiefür, dass die jüdischen Hauseigenthümer ein Dasein fristen, um das sie der besitzlose westeuropäische Arbeiter, wenigstens in vielen Ländern, gewiss nicht beneiden wird. So gestaltet sich in allgemeinen Zügen die wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung in Bulgarien, deren jammervolles Dasein nur darum nicht die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, weil sie verhältnissmässig gering an Zahl ist. Es kommt öfters vor, dass die Eltern ihre ganz kleinen Kinder, 6—7jährige Mädchen, dienen lassen, um sich durch den Woehenlohn von 10 Cts., sage zehn Centimes, ihre ökonomische Lage zu verbessern. Kein Wunder, dass bei solchen Verhältnissen die Hauptpfeiler der Moral stürzen, und ist es, bei Mangel an entsprechender Ausbildung der geistigen und moralischen Kräfte — wie wir das noch später sehen werden — hauptsächlich auf die bittere ökonomische Lage zurückzuführen, wenn auch unter den S|pagnolen, die sogar an den Traditionen des Judenthums so starr festhalten, Fälle vorkommen, dass sich manche Mädchen taufen lassen, um durch das Matrimonium mit einem Bulgaren in den sicheren Genuss seiner Schläge und eines Stückchen Brodes gelangen zu können. Indem wir . über die wirtschaftliche Lage berichten, können wir uns von dem Eindrucke, den die jüdischen Viertel in Sofia nach einem Regenguss auf uns gemacht haben, nicht befreien.