Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 1 (1898) Basel, 29. bis 31. August 1897
- Issue
- 29. bis 31. August 1897
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 51)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal issue
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49 In einer Hinsicht sind wir in sämmtliehen Provinzen Oesterreichs ganz gleich behandelt worden; man hat uns überall geschmäht, verhöhnt, besudelt, man hat uns nirgends einen Schimpf erspart. Kein Tag vergeht, ja keine Stunde, dass man uns nicht in unserer Ehre kränkt. % In den Sitzungen des Parlaments und in Volksversammlungen, von der Kanzel und vom Schulkatheder herab, in Geschäftslocalen und auf offener Strasse, an jedem Orte und bei jedem Anlass fällt uns der Hass unserer Feinde an. - Die Juden sind keine Menschen, so spricht der Abgeordnete Gregorig .... Sie sind ein gottverfluchtes Gesindel, das ausgerottet werden muss, so spricht der Abgeordnete Schneider .... „Es ist alles eins, ob man sie hängt oder köpft44, so spricht, der Bürgermeister Dr. Lueger .... Sie gebrauchen Christenblut, so spricht der Pfarrer Deckert . . . . So sprechen die Führer, und das Volk spricht diese Perfidien nach. Die Juden sind sammt und sonders Wucherer und Betrüger, "Wüstlinge und Mädchenhändler, der Ausbund aller Schlechtigkeit. Dies ist der schnöde Kehrreim, der sich unaufhörlich wiederholt; dies ist die herrschende Auffassung über uns, wie sie in den Schänken und Salons, in der Armee, ja sogar bei so manchem Gerichtshof ihren Ausdruck findet. Dieser blinde Hass, er geht so wreit, dass ein armer Jude nur deshalb, weil er eines Tages mit einem blonden Kinde von nicht arischem Typus durch die Strassen Wiens seinen Weg nahm, von einer Schaar fanatisch erregter Weiber überfallen und festgehalten wurde unter der Beschuldigung, er habe dieses Kind geraubt, um es zu rituellen Zwecken abzuschlachten. Dieser Hass bewirkt, dass, wTie sich dies vor Kurzem in Baden bei Wien zugetragen, ein unmündiges Kind simuliert, eine vermeintlich jüdische Familie habe an ihm zu rituellen Zwecken ein Attentat verüben wollen und dass in einem zweiten Falle — auch aus jüngster Zeit — ein 13jähriger Knabe unter dem Rufe: „Jud! Jud!44 einen Altersgenossen mittelst eines Steinwurfes niederschlägt und lebensgefährlich verletzt. Und so könnte ich Exempel auf Exempel häufen; doch was bedarf es der Beispiele angesichts der Thatsache, dass die Aeusserungen dieses wilden Hasses die Spalten unserer Presse füllen und die schmerzlichste Notorietät erlangten. Und fürwahr, der Landmarschall von Mederösterreich, Baron Gudenus, hatte Recht, als er von der Kraft des Antisemitismus sprach: Diese Kraft bezeugt das Blut und bekundet die Thränen seiner Opfer! Will man sie zahlen? Lässt sich hier mit Ziffern operieren? Man weiss genug, wenn man erfährt, wie der Judenhass in Oesterreich zu Werke geht und welche Angriffspunkte er sich wählt. 4