Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 1 (1898) Basel, 29. bis 31. August 1897
- Issue
- 29. bis 31. August 1897
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 50)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal issue
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I — 48 — ♦ ■ Kirche hinweg und er hat sich nicht gescheut, diese Selbständigkeit seiner Auffassung gegenüber den höchsten Autoritäten aufrecht zu erhalten. Dessen ungeachtet ist er siegreich geblieben; allein indem ich neuerlich dieses seltenen Triumphes gedenke, will ich zugleich jenes Momentes Erwähnung thun, durch das sich die Regierung Oesterreichs zur Capitulation bewogen fand. Der Antisemitismus meines Yaterlandes ist nicht nur national, sondern auch socialistisch. Er war nicht nur darauf bedacht, die Juden durch ihre gehässige Kennzeichnung ihrer Stammesart zu isoliren, er bemühte sich auch darzuthun, dass sie die Ausbeuter kat'exochen und der Inbegriff aller Corruption und die Quelle alles fcllenasr seien. Damit war eine taugliche Leitung geschaffen, um den drohenden Blitz des marxistischen Socialismus von den herrschenden Gewalten auf die Häupter der Juden abzulenken. Die Kirche hatte über diese und all' die sonstige Verwendbarkeit des Antisemitismus sich schon bei Zeiten ihr Urtheil gebildet, sie stand mit ihm bereits im Bunde, als Graf Badeni gegen ihn zu Felde zog. Aber auch für Se. Excellenz kam die Stunde der Erleuchtung. Doctor Lueger bestieg den Bürgermeisterstuhl und seine Leistung war des Lohnes wert: bei der letzten Reichsrathswahl warf er die socialdemokratische Partei in Wien zu Boden. Auf diesem Wege hat der Antisemitismus den offiziellen Zutritt zum Hof gefunden. Durch Schönerer nach obenhin eompromittiert, ist er durch Lueger höchstenorts zu Gnaden und Ehren gelangt. Doch hiedurch hat sich die Lage der Juden bedenklich verschlimmert. Denn von der Sanctionierung des Antisemitismus zur Sanctionierung judenfeindlicher Gesetze ist am Ende nur ein Schritt. Allein um yon diesem so peniblen Punkte zu schweigen — sicher ist, dass die Geneigtheit zu judenfeindlichen Motionen sich von Jahr zu Jahr verstärkt hat. Es sind meistenteils Gesetzentwürfe^ die den Gewerbeschutz betreffen, Gewerbefreundlichkeit ist mitunter nur die parlamentarische Bezeichnung für Judenfeindlichkeit. Ich sagte der Antisemitismus ist eine Volksbewegung, ich zeigte, wie er die Kirche und den Staat für sich gewann. Ich schliesse diesen Theil meines Referates ab, indem ich constatiere: Der Antisemitismus ist im Augenblick bereits Gemeingut sämmtlicher8 Nationen Oesterreichs. Mag der Kampf zwischen ihnen noch so heftig toben, mag sich ein noch so tiefer Gegensatz zwischen Deutschen, Czechen und Polen geltend machen, in dem e i n e n Punkt, in dem Judenpunkte begegnen sie sich alle. Und sie alle haben bis zum heutigen Tage ihren Antisemitismus auch praktisch auf das gründlichste bethätigt. Gestatten si& mir gütigst, den Judenhass für eine Weile bei seiner Arbeit aufzusuchen.