Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 1 (1898) Basel, 29. bis 31. August 1897
- Issue
- 29. bis 31. August 1897
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 20)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal issue
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18 nicht die Erfüllung einer mythischen Verheissung der Schrift ist, sondern der Weg zu einem Dasein, in welchem der Jude endlich jene allereinfachsten, allerursprünglichsten Lebensbedingungen voifindet, die für jeden Nichtjuden beider Welten das Selbstverständliche sind: nämlich einen sichern gesellschaftlichen Halt, eine wohlwollende Gemeinschaft, die Möglichkeit, alle seine organischen Kräfte zur Entwicklung seines wirklichen Wesens zu verwenden, statt sie zu dessen Unterdrückung, Fälschung oder Verkleidung selbstzerstörend zu missbrauchen. Noch andere endlich, die sich gegen die Lüge des Marranenthums empören und die mit ihrem Vaterlande zu innig verwachsen sind, um den Verzicht, den der Zionismus in letzter Folge in sich schliesst, nicht als zu hart und grausam zu empfinden, werfen sich dem wildesten Umsturz in die Arme, mit dem unbestimmten Hintergedanken, dass bei der Vernichtung alles Bestehenden und dem Aufbau einer neuen Welt der Judenhass vielleicht doch nicht eines der Werthstücke sein möchte, die man aus den Trümmern der alten Verhältnisse in die neuen hinüberretten würde. Das ist das Gesicht, das Israel am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts zeigt. Um es mit einem Worte zu sagen : die Juden sind in ihrer Mehrheit ein Stamm von geächteten Bettlern. Fleissiger und anschlägiger als der Durchschnitt der europäischen Menschen, von trägen Asiaten und Afrikanern nicht zu sprechen, ist der Jude zum äussersten Proletarierelend verurtheilt, weil ihm nicht gestattet wird, seine Kräfte frei zu gebrauchen. Von einem nicht zu bändigenden Bildungshunger, Bildungsheisshunger durchfiebert, sieht er sich von den Stätten, wo Wissen gereicht wird, zurüekgestossen, ein wirklicher Bildungstantalus unserer unmythischen Zeit. Mit einem Ungeheuern Auftrieb begabt, dessen Kraft ihn immer wieder aus den schlammigen Tiefen emporschnellt, in die man ihn hinabdrückt und zu begraben sucht, zerschellt er sich den Schädel an der dicken Eisdecke von Hass und Verachtung, die über seinem Haupte ausgespannt ist. Ein Gesellschaftswesen wie kaum ein anderes, ein Gesellschaftswesen, dem sogar sein Glaube als verdienstliche und gottgefällige Handlung empfiehlt, zu freien zu essen und in Gemeinschaft von zehn zu beten, ist er von der normalen Gesellschaft, der landsmännischen, ausgeschlossen und zu tragischer Vereinsamung verurtheilt. Man klagt ihn der Vordringlichkeit an und er strebt doch nach Ueberlegenheit nur, weil man ihm die Gleichheit versagt. Man wirft ihm Zusammengehörigkeitsgefühl mit allen Juden der Erde vor und sein Unglück ist doch, dass er beim ersten Liebeswort der Emancipation alle jüdische Solidarität bis auf die letzte Spur aus seinem Herzen gerissen hat, um für die Alleinherrschaft der Liebe zu seinen Landgenossen Kaum zu gewinnen. Betäubt von dem Hagel antisemitischer Beschuldigungen wird er an sich selbst irre und ist oft nahe daran, sich thatsächlich für das leibliche und geistige Scheusal zu halten, als das