Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 1 (1898) Basel, 29. bis 31. August 1897
- Issue
- 29. bis 31. August 1897
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 19)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal issue
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\ ' •■ .''"!.*.' > * ' ' '. — i?.' — geschweige denn auf Wohlwollen zu rechnen, mit den jüdischen Landsleuten hat er den Zusammenhang verloren; er hat das Gefühl, dass die Welt ihm gram ist, und er sieht keine Stelle, an der er Gemüthswärme finden kann, wenn er sie sucht und sich nach ihr sehnt. Das ist die sittliche Judennoth, die bitterer ist als die leibliche, weil sie höher differencirte, stolzere, feiner fühlende Menschen heimsucht. Der emancipirte Jude ist haltlos, unsicher in seinen Beziehungen zu den Nebenmenschen, ängstlich in der Berührung mit % Unbekannten, misstrauisch gegen die geheimen Gefühle selbst der Freunde. Seine besten Kräfte verbraucht er in der Unterdrückung und Ausrottung oder mindestens in der mühsamen Verhüllung seines eigensten Wesens, denn er besorgt, dass dieses Wesen als jüdisch erkannt werden möchte, und er hat nie das Lustgefühl, sich ganz zu geben, wie er ist, er selbst zu sein, wie in jedem Gedanken und Gefühle, so in jedem Ton der Stimme, in jedem Augenlidschlag, in jedem Fingerspiel. Innerlich wird er verkrüppelt, äusserlich wird er unecht und dadurch immer lächerlich und für den hoher gestimmten, ästhetischen Menschen abstossend wie alles Unwahre. Alle besseren Juden Westeuropas stöhnen unter dieser Noth und suchen Kettung und Linderung. Sie haben nicht mehr den Glauben, der die Geduld gibt, jedes Leid zu ertragen, weil er darin eine Schickung des strafenden, aber dennoch liebenden Gottes erkennt. Sie haben nicht mehr die Hoffnung, dass der Messias kommen und an einem Tage des Wunders sie zur Herrlichkeit erhöhen werde. Manche suchen sich durch Flucht aus dem Judenthume zu retten. Freilich lässt der Kassenantisemitismus, der die Umwandlungskraft der Taufe leugnet, diesen Kettungsplan wenig aussichtsvoll erscheinen. Es ist ja auch nicht gerade eine Empfehlung für die Betreffenden, die doch meist ungläubig sind — von der Minderheit der wirklich Gläubigen spreche ich natürlich nicht — dass sie mit einer gotteslästerlichen Lüge in die christliche Gemeinschaft eintreten. Jedenfalls entsteht auf diese Weise ein neues Marranenthum, das ungleich schlimmer ist als das alte. Dieses hatte einen idealistischen Zug von geheimer Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit, von herzbrechender Grewissensnoth und Reue und es, suchte oft genug seine eigene Sühne und Reinigung in wohlerwogener, gewollter Blutzeugenschaft. Die neuen Marranen scheiden aus dem Judenthum mit Grimm und Erbitterung, aber im innersten Herzen, wenngleich vor ihnen selbst uneingestanden, tragen sie ihre eigene Erniedrigung, ihre eigene Unehrlichkeit, den Hass, der sie zu ihrer Lüge gezwungen, auch dem Christenthum nach. Mir graut vor der zukünftigen Entwicklung dieses Geschlechtes der neuen Marranen, das sittlich nicht gehalten wird von irgendeiner Ueberlieferung, dessen Gemüth vergiftet ist durch Feindlichkeit gegen das eigene wie das fremde Blut, dessen Selbstachtung zerstört ist durch das immer gegenwärtige Bewusstsein einer fundamentalen Lüge. Andere erhoffen das Heil vom Zionismus, der ihnen 2