Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 1 (1898) Basel, 29. bis 31. August 1897
- Issue
- 29. bis 31. August 1897
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 18)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal issue
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mit einer Gemeinschaft gewährleisten, ohne den das Individuum sieh auf die Dauer sittlich, seelisch, zuletzt auch stofflich nicht zu behaupten vermag. Das war die Psychologie des Ghettojuden. £Tun kam die* Emancipation. Das Gesetz versicherte die Juden, dass sie Vollbürger ihres Geburtslandes seien. Es übte auch eine gewisse Suggestion auf diejenigen, die es gaben, und veranlasste in seineu Flitterwochen auf christlicher Seite Gemüthsäusserungen, die das Gesetz herzerwärmend erläuterten* Der Jude beeilte sich in einer Art Rausch, alle Brücken sofort hinter sich abzubrechen. Er hatte nun eine andere Heimat, er bedurfte des Ghettos nicht mehr;; er hatte einen andern Anschluss, er brauchte sich nicht mehr an die Glaubensgenossen zu nesteln. Sein Trieb der Selbsterhaltung passte sich sofort und vollständig den neuen Daseinsbedingungen an. Früher war dieser Trieb auf schroffste Absonderung gerichtet gewesen, jetzt strebte er nach äusserster Annäherung und Anähnlichung* An die Stelle der. rettenden Gegensätzlichkeit trat förderliche Mimicry, Eii^ oder zwei Menschenalter lang, je nach dem Lande, mit überraschend gutehi Erfolg. Der Jude durfte glauben, er sei nur noch Deutscher, Franzose, Italiener u, s. w., wie jeder andere seiner Landsleute, und schöpfe aus derselben Volksquelle wie sie das Mass von Gemeinleben, das zur vollen Entwicklung des Individuums unentbehrlich ist. Da brach nach einem Schlummer von 30 bis 60 Jahren, vor etwa zwei Jahrzehnten, der Antisemitismus in Westeuropa von neuem aus den Tiefen der Volksseele hervor und enthüllte vor dem Auge des entsetzten Juden seine wirkliche Lage, die er nicht mehr gesehen hatte. Er durfte noch immer bei der Wahl der Volksvertreter mitstimmen, aber er sah sich aus den Vereinen und Versammlungen seiner christlichen Landsleute sanft oder barsch ausgeschlossen. Er hatte noch immer das Recht der Freizügigkeit, aber allerorten stiess. er auf Aufschriften, die ihm bedeuteten: „Juden ist der Eintritt verboten44. 'Er hatte noch immer das Recht, alle Pflichten des Staatsbürgers zu erfüllen, aber die Rechte, die über das allgemeine Stimmrecht hinausgehen, die edleren Rechte, die der Begabung und Tüchtigkeit zugestanden werden, diese Rechte wurden ihm schroff" verweigert. Das ist die heutige Lage des emancipirten Juden in Westeuropa. Seine jüdische Sonderart hat er aufgegeben, die Völker erklären ihm, dass er ihre Sonderart nicht gewonnen hat. Seine Stammgenossen flieht er, weil der Antisemitismus sie ihm selbst verekelt hat, seine Landsleute stossen ihn zurück, wenn er sich zu ihnen halten möchte. Die Heimat des Ghettos hat er verloren, das Geburtsland versagt sich ihm als Heimat. Er hat keinen Boden unter den Füssen und er hat keinen Anschluss an eine Gesammtheit, in die er. sich als willkommenes, vollberechtigtes Mitglied einfügen könnte. Bei den christlichen Landsleuten haben weder sein Wesen noch seine Leistungen auf Gerechtigkeit,^