Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1899
- Issue
- 2 (1899)
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 108 — Blatt 16 hat die Aufschrift: וישבו לפניו הבכור כבכורתו והצעיר בצעירתו. An einer langen gedeckten Tafel sitzen an der Langseite die Brüder Josefs in respectvoller Entfernung von ihm, der an der obersten Schmalseite allein Platz genommen hat. Josef scheint seinen Brüdern gerade etwas vorzutragen, er betrachtet sie scharf und gestikuliert mit beiden Händen. Die Brüder folgen mit Aufmerksamkeit seiner Auseinandersetzung. Ausser dem recht gut dargestellten Faltenwurf des Tischtuches in der traditionell echt mittelalterlichen Weise ist nichts besonders Bemerkensvverthes auf dem Bilde. ויפתחו איש אמתחתו וימצא הגביע באמתהת בנימין ־ ויהרעו שמלותם So lautet der Text des unteren Bildes auf dieser Tafel. Das Bild selbst schildert die Begebenheit sehr deutlich und lebendig. Im Mittel stehen am Boden die geöffneten Getreidesäcke. Der Hausverwalter Josefs, der den Brüdern mit zwei Polizisten nachgeeilt ist, hält bereits den aus Benjamins Sack hervorgeholten Becher seines Herrn in der Hand und zeigt ihn den Söhnen Jacobs. Er deutet mit dem Zeigefinger der linken Hand auf sie und man hört ihn förmlich sagen: Seht Ihr, hier habt Ihr den Beweis dessen, wessen ich Euch angeklagt habe. Einer der Schergen, die in derselben Tracht dargestellt sind, wie jener, der Josef seinerzeit ins Gefängniss gebracht hat, hält Benjamin schon fest an der Hand, während Benjamin mit unschuldsvoller Miene und Haltung als kleiner Knabe nicht viel grösser als sein Sack dasteht. Dieser Gruppe gegenüber stehen Benjamins Brüder. Auf ihren Gesichtern malt sich der furchtbare Effect, den der hervorgeholte Becher und die Rede des Hausverwalters auf sie gemacht hat deutlich, namentlieh ist der kummervolle Ausdruck des vorderen bärtige21, vermuthlich Jehuda, der mit beiden Händen sein Gewand erfasst, um es zu zerreissen von grosser Haturwahrheit und ist dieses Bild nach Wirkung und Ursache als ganz gelungen zu bezeichnen. Blatt 17 mit der Ueberschrift: וינש אליו יהודה zeigt das Bild wie die Brüder wieder mit Benjamin, den einer bei der Schulter, der Andere am Arme hält, zurückgekehrt sind, sich vor Josef aufgestellt haben und Jehuda vortritt um mit Josef zu reden. Die Figur Jehudas ist vortrefflich gelungen. Weniger gelungen ist das darunter befindliche Bild. Josef giebt sich seinen Brüdern zu erkennen. Die Umarmung Benjamins zeigt nicht die Ueberwältigung, die Josef und Benjamin übermannt hat. Auch das Staunen der Brüder lässt etwas zu wünschen übrig. Blatt 18. Vater Jacob sitzt auf einer Bank und staunt über die aegyptischen Gespanne, die die heimgekehrten Söhne mitbrachten, auf deren Einem sich Benjamin befindet. Die Gespanne sind allerdings zum Bestaunen, hauptsächlich wegen der Naivität, mit welcher Thier und Wagen gegeben sind.