Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 52 (29.6.1934)
- Date
- 1934-06-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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E.udwig Vogelstein, Vorsitzender der Union of American Hebrew Congregations ßeben In U. 6. 91. In den Vereinigten Staaten gibt es. 3000 Synagogen — Die Taufe ist unbekannt — Die Bedeutung des religiösen Liberalismus- Es leben heute in Amerika ungefähr 4,25 Millionen Juden, d. h. beinahe 30»;o der gesamten Judenheit der Welt. Im Jahre 1880, vor dem Beginn der großen russisch-polnischen Einwanderung, gab es in Amerika 230 000 Juden, in der Hauptsache deutscher Provenienz, aber zum großen Teil auch sephardische Juden, die aus Westindien und' Südamerika gekommen waren, und relativ wenige Ostjuden. Mit Beginn der achtziger Jahre setzte eine große Einwanderungswelle ein, die bis zum Beginn des Krieges dauerte und .in manchen Jahren über 100 000 Juden nach Amerika brachte. Die jüdische Bevölkerung der Vereinigten Staaten besteht daher heute zum großen Teil aus Juden östlicher Abstammung. . Die deutschen-Juden, die nach Amerika gekommen waren, suchten den Gottesdienst, der in den” meisten Synagogen konservativ nach sephardischem Ritus war, nach deutschem Ritus, einzuführen, und unter der Leitung hervorragender Rabbiner wurden Gemeinden in New-York, Cincinnati, Baltimore usw. gegründet. In den meisten dieser neuen Gemeinden wurde deutsch gepredigt, und die Rabbiner waren Deutsche. Unter den Achtundvierzigern, die nach Amerika kamen, war auch Isaak Meyer Wise, der aus Böhmen gekommen war. Er sah das Chaos im jüdischen Leben und kämpfte 25 Jahre - lang, um eine' Gemeinschaft zu schaffen, welche sämtliche deutschen Gemeinden umfassen sollte. Sein Schlagwort war „ohne eine Gemeinschaft und ohne ein Rabbinerseminar wird es vielleicht in 50 Jahren noch Juden geben, aber keine jüdische Religion“. Unermüdlich focht er für die .Idee, trotz Anfeindungen selbst in liberalen Kreisen. Schließlich gelang es ihm Anfang der 70er Jahre, die Union - ot American Hebrew Congregations zu gründen und ein Jahr später das Hebrew Union College in Cincinnati. Die Gemeinschaft der 300 Gemeinden Die Union ist die angesehenste jüdische Gemeinschaft in. Amerika, -obwohl zu der Union kaum 300 Gemeinden gehören, die etwa 250 000 Seelen repräsentieren. Das Gros der Juden in den Vereinigten Staaten gehört den konservativen und orthodoxen Gemeinden an, soweit die Juden hiebt von jeder Angliederung an eine Gemeinde abgesehen haben. Die ganze Psychologie der Ostjuden ist amerikanisch-jüdischem Liberalismus fern. Die Ostjuden sehen noch immer im Zeremonialgesetz die Quintessenz'des Judentums. Die Mitglieder der Gemeinden, welche zu der Union geboren, legen den Nachdruck auf das ethische und historische Judentum und haben sich von den meisten der Zeremonialgesetze frei gemacht. Nichtsdestoweniger wäre‘es ein Irrtum zu glauben, daß die liberalen Juden dem religiösen Judentum fern.stehen. Der beste Beweis für ihren Zusammenhang mit dem religiös-jüdischen Leben ist; daß sich heute schon die vierte Generation, die unter diesen Ideen aufgewachsen ist, in der Verwaltung der liberalen Gemeinden und der Union befindet. Die Union hält alle zwei Jahre eine große Konferenz, zu der Leute aus allen Ecken des Landes kommen. Die Versammlungen sind oftmals von über tausend Menschen besucht. Während drei bis vier Tagen werden.religiöse Fragen von Laien und Rabbinern erörtert. Das Hebrew Union College hat'in den sechzig Jahren seines Bestehens über 300 Rabbiner ausgebildet. Es gibt heute in Amerika keine liberale Synagoge mehr, in der deutsch gepredigt wird. Zwischen den liberalen Juden und den konservativen und orthodoxen herrscht Eintracht und Frieden. Die religiöse Erziehung der Jugend In den meisten liberalen Synagogen Amerikas beschränkt sich die Aktivität nicht nur auf Gottesdienst am Freitag und Sonnabend und bei einer großen Anzahl auch am Sonntag, sondern es gibt innerhalb der Synagogen Clubs und Vereine, welche' die geistige und die gesellige Förderung der Mitglieder im Auge haben. Die meisten'Synagogen haben eine sogenannte Brotherhood (Brüderschaft) und eine Sisterhood (Frauenverein), welche sich aber nicht der Wohltätigkeit, sondern mehr den kulturellen Aufgaben widmen. Alle liberalen Synagogen haben eine R e 1 igion sschu I e, die in den meisten F.ällen nur am Sonntag Unterricht erteilt. An Schowuaus werden die Kinder— Knaben iind Mädchen — von 14—15 Jahren bei'feierlichem Gottesdienst konfirmiert. Die Barmizwah-Feier ist in den meisten liberalen Gemeinden nicht mehr üblich. Nach der Konfirmation bleiben die Kinder entweder weiter in einer Oberklasse der Schule, oder'in manchen Gemeinden bilden sie eine lose Vereinigung bis zu ihrem 16., 17. Jahre, und in vielen Gemeinden bestellt ein Jugendverein, der die Kinder an die Synagoge bindet, bis sie bereit und imstande sind, als Mitglieder beizutreten. Alle Synagogen Amerikas werden durch freiwillige Beiträge erhalten. Das System ist nicht in ajlen' Synagogen gleich. In vielen Synagogen wird ein Minimum jährliche Gebühr als Mitgliedschaft verlangt, in anderen Svnagogen basiert die Mitgliedschaft entweder auf Besitz oder auf Miete eines Tempelplatzes. In vielen Gemeinden werden an hohen Feiertagen Leute ohne Bezahlung , zugelassen. In manchen Gemeinden ist es üblich, durch Lautsprecher den Gottesdienst in einen andern Saal zu übertragen und diesen Saal für Leutefrei zu halten, welche nicht Mitglieder der Gemeinde sind. Große Aufmerksamkeit wird der J u g e n d b e w e g u n g geschenkt. Man experimentiert auf diesem Gebiete nicht nur in liberalen,. sondern auch in konservativen und orthodoxen Kreisen, 11m das Interesse der Jugend an der Synagoge und der jüdischen Religion wachzu erhalten. Es erübrigt sich, ein Wort über die Entwicklung der weiter, rechts stehenden Gruppen im amerikanischen Judentum zu sagen. Nach einer Schätzung sollen 3000Svnagogen, darunter allerdings auch kleine .Gebethäuser, in den Vereinigten Staaten existieren. Wir .unterscheiden in Amerika zwischen konservativen und orthodoxen. Die konservativen Synagogen haben einen Gottesdienst, der einigermaßen dem Gottesdienst in den deutschen liberalen Synagogen gleicht. Die Orthodoxie steht in der Hauptsache aut dem ostjüdischen Standpunkt, aber es gibt auch einzelne Synagogen, die den deutsch-orthodoxen Standpunkt vertreten. •a Um Kindern in Amerika eine gute jüdische und liebräische Grundlage zu geben, ist es nötig, daß dieseKinder fünfTage während der Woche Unterricht haben. Und dies bedingt oft Konflikte’mit der weltlichen Erziehung in den öffentlichen Schulen. Viele von den Kindern gehen von 4—6 oder 5—7 Uhr an Wochentagen und natürlich am Sonntag von 9—12 Uhr mittags in die Religionsschule und lernen Tn den höheren Klassen auch zum Teil Talmud usw. Die höheren Klassen in diesen Schulen haben sehr oft einen höheren Prozentsatz Mädchen 1 als Knaben. ln den großen Städten Amerikas liegt das jüdische Leben, gesellschaftlich sowie auf geistigem Gebiete, abseits vom Treiben der christlichen Bevölkerung. In kleinen Städten,-die es sich finanziell nicht leisten können, einen Rabbiner oder 'Lehrer anzustellen, ist das Problem sehr schwierig. Allerdings versuchen Rabbiner aus den großen Gemeinden, in den umliegenden Distrikten tätig zu sein. Außerdem hat die Union ot American Hebrew Congregations eine Anzahl Rabbiner angestellt, deren Aufgabe es ist, die Landbezirke zu besuchen und das religiöse Leben in den betreffenden kleinen Orten zu wecken und aufrecht zu erhalten. Die jüdischen Organisationen, auch die Synagogen, genießen ein großes Ansehen in Amerika auch in christlichen Kreisen. Zum Teil sind Organisationen, die von Juden geschaffen wurden, mustergültig für, Amerika geworden; z. B. die Föderation der jüdischen Wohltätigkeits-Institute in New-York, welche 90 jüdische Wohlfahrtseinrichtungen finanziell unter einen Hut gebracht hat. Diese Institutionen haben in dem Boom-Jahr 1929 einen Etat von über 10 Millionen Dollar gehabt, die etwa zur’ Hälfte durch freiwillige Beiträge aufgebracht wurden und zur andern Hälfte durch Zuschüsse von der Stadt, durch Zinseinnahmen, sowie in den Hospitälern durch die Zahlungen ■der bemittelten Patienten. Wandlung — aber wie? Die Ansichten über die Entwicklung des religiösen Judentums in Amerika gehen etwas auseinander. Die Konservativen fühlen mehr noch als die Orthodoxen, daß das amerikanische Leben eine Fortdauer der strengen orthodoxen ■ Praxis nicht gfut zuläßt. Andererseits glauben diese Gruppen, daß die Liberalen zu weit gegangen sind, und daß eine Annäherung und vielleicht eine Verschmelzung zwischen der konservativen und der liberalen Gruppe eintreten müsse. Man ist’ sich klar darüber, daß es auf die Dauer nicht möglich sein wird, die in Amerika geborenen Kinder neben ihrem öffentlichen Schulunterricht noch mit 8—10 Stunden hebräischen Unterrichts zu belasten, und man sucht in diesen Kreisen den Unterricht zu modernisieren und abzukürzen. Eine der interessantesten Erscheinungen auf diesem Gebiet ist die Schaffung der sogenannten camps, d. h. gemeinschaftlic h e r So m m e rf e rien au f.ent h a 11 für eine Anzahl Kinder, denen neben viel Sport und Vergnügen ein intensives Training in jüdischen und hebräischen Wissenschaften gegeben wira. Das jüdische Leben pulsiert so stark, daß gar nicht an einen Untergang zu denken jst; es fragt sich nur, in welcher Form die Wandlung eintreten wird. Taufe ist fast unbekannt; Mischehen kommen vielfach vor, oftmals aber mit voller Aufrechterhaltung des Judentums für die nächste Generation. Das amerikanische Judentum wird wohl aut lange Jahre die stärkste Stütze des Judentums bleiben, und die liberale Gruppe wird durch ihr Ansehen, durch die Tradition der letzten 60 Jahre ihre besondere Bedeutung behalten. Selbst solche Ju den, welche sich im großen und ganzen von der Synagoge fernhalten, bleiben eifrig mittätig in der Leitung1 der WohTfanrtsinstitute in Amerika oder in Hilfsaktionen für die Juden außerhalb Amerikas. Die Aufgabe des religiös-liberalen Judentums Noch ein Wort über den Zionismus. Ich glaube, die größte Anzahl der in Amerika. lebenden Juden neigt zum Zionismus. Es gibt jedoch, besonders, unter den Juden deutscher Abstammung,-eine Anzahl sehr angesehener Juden, die . von der zionistischen Bewegung nichts wissen will und die es sehr bedauert, daß durch die zionistisch-politische Agitation es ihnen erschwert oder unmöglich gemacht wird, sich an dem Aufbau von Palästina zu beteiligen. Diese' Skizze ist geschrieben worden am Vorabend der Sitzung der World Union of Progressive Judaism in London. Die Union of American Hebrew Congregations bringt dieser Vereinigung das lebhafteste Interesse und die wärmsten Sympathien entgegen, obwohl die Bedeutung dieser Vereinigung für Amerika keine' wesentliche ist; Wir Amerikaner glauben, daß nur ein r e 1 i giös^l i be ra I es Judentum den modernen Menschen mit westlicher Bildung und Kultur befriedigen kann. Wir glauben aber auch ganz besonders, daß heute unsre Aufgabe als liberale Juden eine um so wertvollere ist, als durch die Ungunst der Verhältnisse viele Juden, die entweder offiziell das Judentum verlassen hatten oder imlifferent sich von allem fernhielten, wieder zur Synagoge zurückkehren wollen. Diese Menschen können sich in dein Milieu der Orthodoxie nicht zurcchtf inden. Nur wenn wir ihnen geistige Nahrung,-die prophetischen Ideale und die hochentwickelte Ethik der Juden in einer dem modernen Menschen zugänglichen Form bieten können, werden sie sich in unseren Kreisen heimisch fühlen. Die große Enttäuschung, die sie erlebt haben, läßt viele von diesen .Menschen einen Weg suchen, um in der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten Befriedigung für ihre religiösen Bedürfnisse zu finden. Amerika und die Berliner Olympiade New York. William Garland, das amerikanische Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, der soeben von einer Europareise zurückgekehrt ist, vor-- öffentlicht eine Erklärung, in der es heißt, er habe seitens des deutschen Ausschusses zur Veranstaltung der Berliner Olympiade 1936 nochmals die Versicherung erhalten, daß üi Deutschland keine Vorurteile gegen jüdische Sportler bestehen und daß die Deutschen ihre Very sprechungen, den Juden das Trainieren zu erlauben, halten werden. Auch Palästina werde mit einem eigenen Team au der Olympiade in Berlin teilnctuneu. Der Reichsausschuß der Jüdischen Jugendverbände teilt mit: Der Führerrät des Reichsaussehusses hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, sich an die Leitungen aller ihm angeschlossenen Bünde und Verbände mit der Aufforderung DampfwSuhml Schnabel. Küpenick, QrOanaintr. M. Tel. F« KOpentek IMS .SoigtSlttgite Uetianillunzl ln dt.l Tigen zurück. Pfunüalukn _ Lieferung - Abholung Montey uc Denncritee lief Heu» — zu wenden, die" Beitragskartenaktion des Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau zu unterstützen. Es muß eine. Ehrenpflicht für jeden, jüdischen jugendlichen sein, durch tatkräftige Hilfe dafür zu sorgen, daß dieses der Jugend dienende Werk erhalten werden kann. Wirfordern daher alle—Verbände, Bünde und Gruppen sowie alle jüdischen Jugendlichen auf, sich an der Werbearbeit für die Beitragskarten mit vollem . Einsatz zu beteiligen! . (Aufnahmen In diese Rubrik kostenlos.)' Die Geburt einer Tochter zeigen Herr Rudolf L. Ascher und Frau Dr. Edith Ascher-Michael in Hamburg an. In Thale -am Harz verlobten sich Fräulein Marga Dessauer und Herr Joachim Eisenstädt. . In Frankfurt a. M. feierten Fräulein Ruth Lilienfeld und Herr Walter Spatz ihre Verlobung. Die Geburt einer Tochter zeigen Herr Dr. Werner Bah und Frau Charlotte, geh. Silberstein, in Berlin W 15 an. Am morgigen Sabbattage feiert in Duisburg a. Kheui Alex Wein heim, der Solm der Witwa. Irma, geh. Kautinann, seine Barmizwah. . In Gronau i. W. begehen Fräulein Emma P o p p e r t und Herr Fredy Löwenstein das Fest ihrer Verlobung. nilUurmmlt, Bambiar».ratr. UO-U3 D*r «nt« friSM Peldstlna-Fllm z „Das Neue Palästina1* von Dr. Jodelt. SUdt u. Land, Industrie« Handel u, Verkehr, Landwirtschaft Vorapruch: Dr. Arthur Clotsser. Musik.* Dr. Schdaberg 2 Aufführung., Montag, 2. Jull.u. Donnerstag, ). Juli 34. Beginn 8,30 abda Elnlasskaiten zu RM. 0,80 und I,« RM. nur bei: Buchhandlung Rosenbaum, Melnckeitr. 10; Philharmonie, Bernburgerstr. 22-23: Buchhandlung „Bayrischer Platz-13; Buchhandlung Prager Platz 4; Bucbhmdtung Kedcm, Dahlmannstr. 8: Buchhandlung Schildberger, Flensburgerstr. am Oabnbof Bellevue; M. PJorkowsky ft Co, Scblllstr. 19; Optiker Falk, Königstr. 50; Kaufbaus Max Giesen Turmstr. 42; ZJgarreubaua Herrmann, Prlnzenstr. 4t; Schmalz, Tcmpethof, Berllnerstr. 152; Zigarrenhaus Nustbaum, Neukölln, Bergstr. 30-31; Herrenauaslattung Wedding-Club, Reinlekendorfer-Str. 13; Cat£ Leon, KurfQrstendamm 155 | ftctßmett, HinOf (Hebtauxantb | imiiiuniniiiiiiuininiiniiiiiiiiimtiniuiiKiiiiuniiiuuniiiniiiiiiinitiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiitiini TANZ»STIMMUNG Wo Hnnen wir uns . gut amüsieren I „Cufd Trianon“ inh. Bornstein Bayerischer Platz 1, Tel. B 6 0835 Mltffl. <L iüd. Oemelnde Täglich' nachmittags und abends TANZ * Eintritt frel- Anerkannt beste Wiener Küche bei ganz billigen Preisen. 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Selver - Lotte Kallakl