Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 51 (26.6.1934)
- Date
- 1934-06-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2613366-2613519-2613566--5015-3525205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
»»iSWiWae^.'ISWK**1’*U*V I i i 14. Jahrgang Nummer 51 3&Mf(HU>etale 3ßHung Beilage 26. Juni 1934 Die Valetti EinePorträtski-zze" Von Eugen Tannenbaum Am 2. Juli (ritt Rosa Valetti in Noel Cowards Komödie „Weekend“ im Theater des Kulturbunds deutscher Juden auf. Wirre, rote Haarsträhnen, wie eine zerfetzte Fahne, über eingefallenen, verlebten Gesichtszügen. - Verwüstet. Zerbrochen. Von Not und Laster gezeichnet. Eine starre Maske mit stierem Ausdruck verquollener Äugen. So stand, sie, des Mordes bezichtigt, im letzten Akt der „Fremden Frau“, hinter dem. Holzgeländer der Anklagebank. Ihre Lippen murmeln Unverständliches. Lautfetzen ballen sich mühsam zu Worten zusammen. Und dann, als sie erkennt, daß ihr Sohn die Verteidigung übernommen hat, der nicht weiß, daß dieses heruntergekommene, vom Morphium zerfressene Weib seine Mutter ist — ein Versuch, sich anzuklammcrn, ein Griff ins Leere, ein wilder Aufschrei, abklingend bis zur Tonlosigkeit der Sterbenden. Ein andermal: Auf dem Podium des' Kabaretts. Wieder diese rote Mähne. ■ Kurze Jacke, braunes Tuch lässig um den Hals geknotet, schwarzer Rock. Wieder der stumpfe, müde Blick. Plötzlich ein Aufbegehren. Scharf schneidet die Stimme durch den Raum. Das Klavier spielt eine Melodie. Die Stimme kehrt sich nicht daran. Ihre Begleitung ist die wilde Gebärde der Beschwörung, der Ekstase. Und die Kellner vergessen das Servieren. Ein drittes Mal: Ist das noch die gleiche Frau, dieses betuliche Tante Rikchen, das (in „Jettchen Gebert“), mit Löckchen und Haube, über die Bühne huscht, besorgt um Onkel Elis Mürbekuchcheri? Oder jenes kreischende'Schwiegermütterchen in einem albernen ungarischen Jargonschwank, das -beim Anblick des Schmucks, den der Bräutigam der Braut am Verlobungstag schenkt, ausruft: „Das sind Boutons?! Das sind Kuchenkrümel!“ , “Sie hat in ihrem Bühnendasein viel Kitsch gespielt; auch Kunst. Aber mehr Kitsch .als Kunst, mehr Mache als Meisterwerke. Sie wurde hin- und hergerissen zwischen Kabarett und Kriminalreißer, zwischen Leid- und Lustspiel, zwischen Poesie und Posse. Aber immer macht ihr explosives Temperament, ihre Theaterbesessenheit, . ihre aufpeitschende Charakterisierungskunst ihre Gestaltungen zu einem Erlebnis. Immer sind es Menschen in der Atmosphäre ihres Schicksals, die sie ins Rampenlicht stellt; erbarmungslose. Zeichnungen aus der Kleinbürgerwelt, zärtlich verliebte alte Damen, Frauen, eingekapselt in die Tragik vergrämter Mütterlichkeit, verkommene Alkoholikerinnen. Sie spielt niederträchtige Verschlagenheit und primitives Naturempfinden, drollige Aufgeregtheit und keifende Infamie. Sie hat ein bewundernswertes Mundwerk, von dem sie ausgiebig Gebrauch macht, ohne in ihrem Wortschatz wählerisch zu sein, und die Gabe, im Schmerz erschütternd zu verstummen. Köstlich, wie sie als Rachilde Goldfeder in Sudermanns Drama „Das höhere Leben“, Inhaberin eines Modemagazins, mit dünnem Pariser Firnis übertüncht, ihre Kundschaft mit französischen Brocken füttert. Oder (in einem Boulevardstück) ihre kartenlegende, kaffeemühledrehende Portierfrau, die zum Grammophon tanzt und mit ihrem Kater verliebte Gespräche führt.. Eine Humoristin der schlagfertigen Gemeinheit hat sieeinmal jemand genannt. Dies ist Rosa Valetti.' Eine der schärfsten Charakterzeichnerinnen der Bühne.' * ' Rosa Valetti hat es nicht leicht gehabt, sich künstlerisch durchzusetzen. Die. Eltern machen Schwierigkeiten, nachdem der ältere Sohn Herrmann (Vallentin) schon unter die Komödianten gegangen ist. Dann Hoffnungen. Enttäuschungen. Entsagungen. Endlich holt sie eine Wiener Bühne. In einem Stück von Sthnitzler soll sie ihren künstlerischen Ehrgeiz befriedigen, aber sie muß einen Wiener Lokalschmarren spielen. Trotzdem: ein Erfolg. Nur ein Kritiker tadelt. Zur. Strafe heiratet sie ihn später. Wieder Jahre lang ohne Engagement. Bis ein Zufall nachhilft und sie auf den Weg der Berühmtheit führt. Als Darstellerin. Als Regisseurin. Als (weniger glückliche) Bühnenleiterin. Als gründungseifrige Kabarett-Direktorin. , Von ihren künstlerischen Anfängen in Berlin weiß Max . Ehrlich zu erzählen: In Friedenau befand sich damals ein kleines Schmierchen, in dem „die rote Rosa“ zum erstenmal Schminke auf ihr Gesicht legen durfte. Ihre erste Rolle war ein Page“ in einem Versspiel, an das sich niemand mehr erinnert. Zu reden hatte sie nichts, nur zu stehen und auf einem roten Kissen eine Krone zu halfen, die ihr .später abgenommen wurde. Die Darstellerin der Königin, die mit , ihren gut sechzig Jahren noch unentwegt die Liebhaberinnen spielte, hatte eine Verstirade' an den Mann zu bringen. Plötzlich aber — in einem besonders schwungvollen -Satz — fällt ihr das Gebißiit großem Schwung heraus. Rosa Valetti aber war damals schon so schlagfertig, daß sie das nicht aus der Ruhe bringen konnte.- Mit rastellihaftem Geschick fing sie die Kauwerkzeuge'ihrer, großen Kollegin auf “dem roten Samtkissen auf und überreichte sie stolz der Königin. Das Publikum soll nicht ganz das richtige Verständnis für die Situation entwickelt haben, denn es brüllte derartig vor Lachen, daß man nur noch schwer eine Fortsetzung bringen konnte. Aber es gab doch noch eine Steige^ riing: Rosa hatte bei der Überreichung des Kissens dem Publikum der. Rücken zugewendet und zeigte so der erstaunten Menge die angenehmen Rundungen ihrer rückwärtigen Partien. Als sie sich nun von ihrem Hofknix erheben sollte, gab es einen bis in die letzten Reihen deutlich vernehmbaren Riß. Das Trikot war geplatzt . . . Pagen hat Rosa Valetti seit jener Zeit nicht mehr gespielt. Dafür alles, was im weiten Bereich des gereiften Schauspielerin Judith Bliß spielt, so wollen wir uns freuen,'- und überreifen Weiblichen liegt, auf der Schalten- und der daß sie noch nicht abgeschminkt hat, und lioffeu, daß ihre Humorseite des Lebens. Und wenn die Valetti jetzt die Bühne Verbindung mit dem jüdischen Theater nicht nur eine Weekenddes Kulturbunds betritt und in „Weekend“ die ehemalige Verbindung ist. Was;}uden der Welt gegeben haben ft Gallerie der ausgezeichnetsten Israeliten“ Es sind jetzt genau einhundert Jahre her, als — im Jahre 1834' — in Stuttgart im Verlage der Fr. Bredhagschen Buchhandlung ein Werk zu erscheinen begann, das den Titel führte: „Gallerie der ausgezeichnetsten Israeliten aller Jahrhunderte, ihre Portraits und Biographien." Das wäre nun nichts Besonderes, denn Schriften über die Vorzüge einzelner Juden, über besonders hervorragende Juden auf den Gebieten der Religion, der Kunst, der Wissenschaft, hat es vorher und nachher gegeben. Diese Schriften waren jedoch in der Mehrzahl von jüdischen Schrift- Stellern verfaßt und in der Hauptsache zur Belehrung und Erbauung der Juden bestimmt. Das angeführte Werk jedoch verfolgte hauptsächlich den Zweck, Nichtjuden mit einer 'Reihe von Persönlichkeiten bekannt zu machen oder — richtiger gesagt — näher bekannt zu machen mit Juden, die sich in irgend einem Fache oder durch irgend eine Eigenschaft oder Tätigkeit des Ruhmes und Nachruhmes würdig erwiesen haben, und mit deren Lebensgeschichte vertraut zu 1 sein dem-Verfasser und Herausgeber des Werkes erforderlich und nützlich erschien. Dieser Herausgeber war kein Jude, sondern der Graf Eugen Breza, Landbote am polnischen Reichstag, wie er sich selbst auf dem Titelblatt bezeichnete. Als Mitarbeiter ist genannt Dr. Richard Otto Spazier, „Mitglied des französischen historischen Institutes und der polnisch-literarischen Gesellschaft zu Paris“, ein Gelehrter, der zu seiner Zeit eineif . guten - Ruf besaß. Das erste Heft enthält die Biographien von Moses, dem Gesetzgeber, dem Dessauer Moses Mendelssohn, dem Franzosen Abraham Furtado, portugiesischer Abstammung, und einem russisch-polnischen Juden: Abraham Stern. Bei der Herausgabe des Werkes handelte es sich um einen großangelegten Plan: der Druck ist sauber und klar, die von Küstner hergestellten Lithographien sind vortrefflich. Dennoch kam das Werk über die erste Lieferung nicht hin-' aus. Eine handschriftliche Eintragung besagt: „Von dieser sehr seltenen Schrift ist nicht mehr erschienen, da das Unternehmen aufgegeben wurde. Es ist charakteristisch, daß gerade zwei christliche Autoren es. waren, die diesen Vorläufer von Kohut herausgaben.“ Warum das Werk nicht fortgeführt wurde, das ist nicht bekannt — mangelte es an Abnehmern, gingen den Herstellern die Mittel aus? Der Verlag besteht nicht mehr, eine Antwort auf die Fragen wird also kaum mehr zu erlangen sein. Immerhin: die Absicht bestand und die erste Lieferung im Umfangevon 48 Seiten und mit einem Titelbild, Moses mit den Gesetzestafeln darstellend, sowie zwei Lithographien, den Porträts von Furtado und Stern, ist erschienen. Im Vorwort äußert sich Graf ■ Breza u. a. folgendermaßen: „Gerechtigkeit! Die so lang und schmählicht versagte endliche Gerechtigkeit unseren israelitischen* Mitbrüdern! Ein endliches Aufhören jener furchtbaren Bestrafung, die finsterer Aberglaube, vor dem die Geschichte ® selbst einst erröten wird, einem unschuldigen Volke auferlegt, und mit dem er eine von Vätern nicht begangene Sünde an ihren Enkeln straft! Endliche Gerechtigkeit diesen Unschuldigen — ist seit Jahren das Losungswort jedes aufgeklärten Staatsmannes und Philosophen, jedes einer wahren Humanität huldigendem Mannes und jedes Predigers des wahren göttlichen Wortes geworden . . . Noch zuversichtlicher aber erscheint die Hoffnung auf Vermehrung der Zahl bedeutender und auf das Geschick der Staaten und Völker wohltätig einwirkender Geister, sobald dem israelitischen Volke eine Stellung eingeräumt wird, von der aus es sich ungehemmt entwickeln und Früchte seiner Entwicklung zu Tage fördern könnte, wenn wir auf sie in der Vergangenheit und in kurz verflossener Zeit zurnckblicken. Dort' und hier sehen wir eine Reihe hochbegabter, und ausgezeichneter Weltbürger durch jenes Dunkel, durch jenes Elend; durch jene Hemmungen durchbrechen, und neben den hervorragendsten Erscheinungen unter ’ den in Bezug auf sie privilegierten Nationen einen Ehrenplatz einuelunen. Diese Reihe beiderlei Geschlechts nun" in sichtbarer* - Gestalt und in dem körperlichen Ausdruck ihres Wesens, begleitet von ehier Schilderung ihres Lebens und Wirkens, den Zeitgenossen vorzuführen, ist. der Zweck unseres Unternehmens, durch das wir Herz, Verstand und -Phantasie auf das lebendigste für das israelitische Volk und seine Sache erregen, am kräftigsten die noch bestehenden Vorurteile und Bedenklichkeiten besiegen und unsrerseits die von unseren Vätern augehäufte Schuld abzutragen hoffen.'“ Man kann sich vorstcllcu, daß der Inhalt des geplanten . Werkes ein durchaus apologetischer sein sollten man beabsichtigte zu zeigen, daß im Judentum außerordentlich werkvolle Kräfte vorhanden sind, die sich, wenn ihnen eine freie Entfaltung gestattet wird, zum Segen der Völker entfallen und auswirken können. Daß dies geschehen ist,, sollten die Biographien der j,ausgezeichneten Israeliten“ beweisen. Zwei" christliche Persönlichkeiten, deren soziale und wissenschaftliche Stellung und Ansehen sie unbedingt von dem Verdaclit schützen, vielleicht aus Geldinteresse für die Juden eingetreten zu sein, haben das . Werk unternommen. Wenn es nicht zu Ende geführt, worden ist, so beweist das 'am eindringlichsten, daß „Judengeld“ bei der Herausgabe keinerlei Rolle gespielt oder mitgewirkt haben kann — andernfalls müßte man doch annehmen, daß man ein solches Unternehmen zum Lobe der Jiiden nicht würde hab.cn eingchen lassen. Im Gegenteil: es fand bei den Juden sicherkeine geldliche Förderung und wahrscheinlich bei den Nichtjuden nicht genügend starkes Interesse, um das WeitererscheiueiF“ ohmstarke Opfer des Verlages zu ermöglichen. So blieb das Werk stecken und sank in die Vergessenheit. Nicht in die Vergessenheit versank aber das Leben der „ausgezeichneten Israeliten“, die wie Graf Breza sagt, „auf das Geschick der Staaten und Völker.wo liltätig eingewirkt haben“. Die Zahl Tdieser Israeliten^ oder, wie man heute sagt, der Juden, die ''durch ihre Arbeit- und ihr Wissen Gutes geleistet und gestiftet haben, ist nicht “gering — sie ist vielleicht größer, als man wcilLund als es die Juden selber wissen. Wenn Hermann Cohen zu . einem der bedeutendsten Kantforscher wurde, dann war das keine jüdische Wissenschaft, die er betrieben hatte, sondern in erster Linie eine deutsche, in zweiter Linie eine Weltwissenschaft. Und das" gleiche gilt von den grollen O cs c h i c htsscli r c i be rn , den Chejnikerir, den Astronomen, den Ärzten, — den Rechtsgelehrten. Es -gilt von . den Technikern und den Philologen, den Physikern und den Künstlern, Sie alle haben, wenn sie Bedeutendes schufen [und^ als deutsche Bürger Bedeutendes schufen, <1 e u t sehe Arbeit geleistet und nicht jüdische, wenn sie auch -Juden waren und ihnen ihr Judesein ihnen einiges Geistige für, ihre Arbeiten beisteuerte. Wenn Andere diese „ausgezeichnetsten Israeliten“ ablehnen, so läßt sich nichts dagegen tun; aber die Juden selber können und dürfen nach wie vor auf diese „ausgezeichnetsten Israeliten“ aus der Vergangenheit und der Gegenwart stolz sein. Das kann man, ihnen nicht verwehren. Deshalb sollen "hier in zwangloser Folge die Lebensläufe .solcher Männer von berufener Feder geschildert werden: zur Erbauung für die Erwachsenen und zum .Ansporn für die Jugend; denn der Jugend ist es anheim gegeben, aus ihrer Kraft und ihrem Willen diese stolze Reihe „ausgezeichnetster Israeliten“ fortzusetzen. Dr. S. F.lt>e. ' 11 £cg<m6c Rabbi Eliezer erzählte: Wenn die Seelen an das Tor kommen, werden Sie befragt. . Einst kam eine sehr stille Seele an, und der Pförtner begann: „Was warst du unten auf der Erde?“ Die Seele schwieg. „Warst du der Weisheit beflissen?“ Sie schwieg. „Warst du bestrebt, Gutes zu tun?“ Die Seele antwortete nicht. „Hast du über Deinesgleichen geurteilt?“ Die Seele schwieg. Der Pförtner sprach: „Entweder war dieser Mensch stumm oder jedes Wortes wohlbedacht.“ Die Seele sprach: „Ich war nicht stumm.“ Der Pförtner lächelte fein und machte das Tor weit auf: „Tritt ein.“ Alfred Auerbach Die MHsion der Die vielfältigen Forderungen und Erwartungen, die heute an die deutschen Juden gestellt werden, gehen selbstverständlich auch die jüdische Frau an. Sie_muß sich, so gut wie der Mann, mit der gegenwärtigen .Situation auseinandersetzen; denn keinem von uns, wo er auch stehen mag, bleibt eine, ■endgültige Entscheidung erspart. Und wenn auch in diesem Zusammenhänge die Frauen nicht aus'der Gesamtheit hcrausgehoben werden, so dürfte dennoch niemand Zweifel daran liegen, daß die jüdische Frau gerade heutebesondere Aufgaben zu erfüllen hat. Als Glied der_Gemeinschaft, der sie zugehört, ist sie Hüterin und Bewah r.erin kultureller Belange; doch sie ist mehr als nur Glied., einer Gemeinschaft; sie ist die Trägerin des Lebens, sie bildet die Brücke zwischen den Generationen, ihr ist das heiligste Gut anvertraut: die Jugend. Und so ist auch die Last der Verantwortung, die ihr'auferlegt wurde, eine mehrfache: als