Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 1 (15.01.1925)
- Date
- 1925-01-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Unsere Tribüne Seite 3 «,, . Freilich, vor Tisch las man anders. Als es noch galt, die „Sozi" abzumurksen, war ihnen kein Mittel der Ehrabschneiderei zu schlecht. Herr Stricker nannte die Liste seiner Gegner „vom Ersten bis' zum Letzten eine moralisch minderwertige Gesellschaft". Und jenes feige, anonyme Flugblatt der „Vereinigten jüdischen Parteien", daß die Furcht des jüdischen Bürgers vor den Hakenkreuzlern auf die „Sozi" ablenken wollte, steht noch in frischer Erinnerung. Wir haben die Herren ruhig laufen lassen. Wir sind der Ansicht, daß die Wahlmentalität der „Vereinigten jüdischen Parteien" einer näheren Beleuchtung durch Urteile der Wiener Bezirksgerichte nicht mehr bedarf. Anders die Gegner. Wo sie einen erwischen, dem eine Ehrenbeleidigungsklage unangenehm werden kann, haben sie sie bestimmt nipht unterlassen. Herr Plaschkes. gegen Klagen durch die gemcinderätliche Immunität selbst geschützt, schleudert aus seinem sicheren Asyl Zornesblitze zum Bezirksgericht. Die Oeffentlichkeit muß sich dazu hergeben, dieses Kinderspiel mitzumachen, bis die Nerven exaltierter Politiker sich wieder etwas beruhigt haben. Indessen geht aber Herr Plaschkes noch weiter. Er pfändet den Gehalt seines Gegners, eines kleinen .Beamten der Kultusgemeinde,■ wegen der Prozeßkosten. Offenbar muß eine Beamtenfamilie hungern, wenn Herr Plaschkes beleidigt worden ist. Aber ein Stück Edelmut muß doch im •öffentlichen Leben sein, — also werden die gepfändeten Gelder eines Beamten, der seihe Familie zu ernähren hat, —, jüdischen Kindern irgend eines- Vereines zugedacht. Besser kann die'Denkart'jüdisch-nationaler Mandatare sich nicht mehr kundgeben. Rache an dem Beleidiger ist identisch mit dem Hunger einer Familie, und dieser wiederum mit den Einnahmen eines jüdischen Kindervereines. So sieht in den Augen der bürgerlich-zionistischen Geldverdiener die Welt aus. Man muß Angst haben, gepfändet zu werden, weil dann jüdische Kinder irgend etwas bekommen können. Der neue Kultusvorstand 'hätte allen Anlaß, diesem unwürdigen Zustand sofort ein Ende zu machen, sämtliche Prozesse einzustellen und aus einer Kultusgemeindewahl nicht mehr Wesens zu machen, als aus jeder anderen staatsbürgerlichen Angelegenheit. Konstituierung des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde. Montag,' den 29. Dezember v. J. fand die Konstituierung des Vorstandes der Wiener Kultusgeineinde statt. Zum Präsidenten wurde Universitätsprofess>ar Dr. Alois Piek, zu Vizepräsidenten die Herren Dr. Jakob Ornstein und Dr. Josef Löwenhefz gewählt. Im Vertreterkollegium, das aus acht Mitgliedern des Vorstandes' besteht, ist die Vereinigung für soziale Tätigkeit durch Genossen Dr. Edwin •Bader vertreten. Aus der Exekutive der Vereinigung für soziale Tätigkeit in der Kultusgemeinde. Im einer ihrer letzten Sitzungen hat sich die Eexkutive mit der Konstituierung der Kultusgemeinde beschäftigt und hat ihre Mandatare beauftragt, noch vor der Konstituierung Protest dagegen einzulegen, daß die konstituierende Sitzung für vertraulich erklärt wurde. "Bei' der Wahl des Präsidenten der Kultusgemeinde ist beschlossen worden, daß unsere Mandataro ihre Stimmen für Dr. Edwin Bader abgeben. Außer der Deklaration, die wir an anderer Stelle bringen, ist beschlossen worden, in der konstituierenden Sitzung folgende Anträge einzubringen: 1. Alle Sitzungen der Kultusgemeindo sollen künftighin prinzipiell öffentlich sein; . 2. Es soll sofort eine Kommission eingesetzt werden, die die Schaffung eines zentralen Amtes für soziale Fürsorge vorzubereiten liat, und binnen einem Monate Bericht erstatten soll; 3. Eine zweite gleich, einzusetzende Kommission soll die Vorarbeiten für die Einführung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechtes durchführen und gleichfalls binnen einem Monat Bericht erstatten. Die Zionisten verlieren das zehnte Mandat in der Kultusgemeinde. Dem Wahlausgang entsprechend, sollten die Zionisten nn Vorstande der Kultusgemeinde zehn Mandate erhalten. Das hat aber mit den Abmachungen der Zionisten mit der „Union", die daliin gingen, daß die Mehrheit der Union unangetastet bleibe, nicht übereingestimmt. Nach langwierigen Unterhandlungen hat ein Schiedsgericht von drei ordentlichen Richtern für die „Union" entschieden. So haben die Zionisten durch ihre glorreiche Kompromißpolitik cdn heiteres Mandat verloren. . , —4--'--- Die* Wahrheitsliebe der Thöfatreuen. Die thoratreuen Zionisten, Misrachisten genannt, haben sich seit jeher durch ihre besondere Wahrheitsliebe ausgezeichnet. In der letzten Nummer ihrer Wochenschrift wird über die konstituierende Sitzung der Kultusgemeindo berichtet. Abgesehen davon, daß sie eine Indiskretion begehen, indem sie von einer vertraulichen Sitzung ziemlich ausführlich berichten, entstellen sie die Deklaration! der Mandataro der Vereinigung für soziale Tätigkeit durch die bewußt falsche Wiedergabe eines Satzes derselben, der die Frage der Religion behandelt,. Wenn diese Frömmler durch solch unsaubere Mittel einen Erfolg zu erhaschen hoffen, so täuschen sie sich gründlich. Ist es wa^r, Herr Dr. D. Friedmann? In der letzten Nummer der ,.Mitteilungen für die Zionisten in den westlichen Bezirken Wiens" ist eine Unterredung mit Horm Dr. Friedmann, ehemaliger Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde, veröffentlicht worden. In dieser Unterredung sind einige Sätze enthalten, die sich auf das Verhältnis der Mandatare der Vereinigung für soziale Tätigkeit zu den Angestellten der Kultusgemeindo beziehen, die bis zur Ummerständlichkcit cutstellt sind. Wir müssen uns gedulden, bis diese Sätze richtiggestellt werden. In dieser Unterredung wird aber auch die Behauptung des Horm Dr. Friedmann, daß die Mandatare der Vereinigung für soziale Tätigkeit mit der ,, Union" paktieren, wiedergegeben. Herr Dr. Friedmann hat schon einmal großes Ungeschick einem ausfragenden Journalisten gegenüber erlitten, wir neigen deshalb der Annahme, daß es . auch diesmal der' Fall sein wird. Wenn aber nicht, so bitten wir schon jetzt den Herrn Dr. Friedmann, der ja sonst als elu-enwerter Mensch gilt, seine Behauptung zu beweisen. Ein Organ der Wiener Kulfu? angestellten Der Verband der Beamten und Angestellten der Wiener, israelitischen Kultusgemeinde. gibt seit einiger Zeit ein eigenes Organ unter dem Namen „Die Jüdische Gemeinde" heraus- Die Nummer 3 .dieser Zeitschrift ist soeben erschienen, die Anzeichen einer günstigen Entwicklung des Inhalts dieser wichtigen Zeitschrift sind deutlich sichtbar. Wir wünschen unseren Freunden viel Erfolg. Für die „Freie jüdische Volksbühne". (Zu der! Generalversammlung vom 28. Dezember 1924.) Das. Bedürfnis1 nach einem jiddischen,'Kunsttheater ist in einem gewissen Teil der Wiener jüdischen Bevölkerung bewußt da, bei einem anderen großen Teil ist es als latentes vorhanden und wäre ohne außergewöhnliche Anstrengung, nutzbar zu machen. In seinem Referat, das der. bisherige Obmann, unser Genosse Singer, -auf der Generalversammlung hielt, zog er die Parallele zwischen Wien und Newyork, dessen Kunsttheater wir letzten Sommer zu Gast hatten. Er wies darauf hin, welchen außerordentlichen Wert das Theater in Newyork .besitzt, da. es wie kein anderes kulturelles Institut, die durch Schule und Gesellschaft ihrem Volk entfremdete junge amerikanisch-jüdische Generation in einem starkem Maße wieder für das Judentum zurückgewinnt. Um wieviel mehr benötigen wir hier in Wien die Einrichtung eines ständigen jiddischen Theaters, als des stärksten Bollwerkes gegen die Assimilation. Und es ist zweifellos richtig, daß wir durch nichts so sehr wieder unserer Zugehörigkeit zu unserem Volke bewußt werden, als durch die Berührung mit seinen künstlerischen Schöpfungen, wobei das Theater schon reger seiner Bestimmung für die breite Oeffentlichkeit und seiner Allgemeinverständlichkeit, ebenso wie seiner Wirksamkeit wegen in erster Reihe steht. Daß ein jiddisches Theater in Wien bestehen kann, ist nach den bisher gemachten Erfahrungen; so gut wie sicher. Konnte sich die unter Leitung Deutsch' stehende „Volksbühne" so lange halten, zu einer Zeit, wo die ökonomische Lage gewiß nicht besser, jedenfalls aber ungewisser war als heute. Konnte das Newyorker jiddische Kunsttheater zwei Monate hindurch Tag für Tag das große Carltheater bis auf den letzten Platz füllen, so ist die Existenzfähigkeit eines jiddischen Theaters und das Interesse dafür genügend erwiesen. Wenn das ständige Theater auch nur einen Teil des Publikums, das die Newyorker besuchte, an sich fesseln wird, so ist sein Bestand gesichert, da es ja nicht in einem so großen Theater wie das Carltheater zu spielen braucht und nur fünf bis sechs Wintermonate in Wien bleiben müßte, während es in der übrigen Zeit durch Tournees in den von von jüdischen Massen bewohnten östlichen Ländern wertvolle kulturelle Arbeit leisten würde. Die Hauptbedingung freilich für die Existenz eines jiddischen Kunsttheaters in Wien, ist, daß es ein gutes Theater sei. Man wird viel leichter die größeren Mitteln für das bessere, als die kleineren für das schlechtere Theater aufbringen. Es ist aber zweifellos möglich, in Wien gutes jiddisches Theater zu machen, sei es mit Ausnutzung der in Wien vorhandenen künstlerischen Kräfte allein, — ich verweise hier auf die vielleicht als Ansatz für ein gutes Kunsttheater verwendbare „Gildene Pawe", — sei es durch Hinzuziehung guter jiddischer Schauspieler aus dem Ausland. Die zweite Bedingung für die Aufrecherhaltung eines jiddischen Theaters ist eine tätigere Anteilnahme des jüdischen Publikums an der Arbeit für dasselbe als bisher. Der neugewählte Vorstand des Vereines „Volksbühne" wird, wenn er tatkräftig ist, ein Theater ins Leben rufen können.|Wie Wien es braucht. Aber dann, und nur dann, wenn er von der jüdischen Oeffentlichkeit stärker und lebhafter unterstützt wird. Unsere Genossen haben bisher zu den am meisten Interessierten gehört; wir sind sicher, daß ihr Interesse sich noch steigern wird, und daß sie sowohl durch eigene Mitarbeit, wenn sie dazu aufgerufen werden, als auch durch Propaganda in den Kreisen ihrer Bekannten und Anwerbung von Mitgliedern, den Verein und die Idee des Theaters nach Möglichkeit fördern werden. Hier ist einmal eine Aufgabe für die gesamte jüdische Oeffentlichkeit ohne Unterschied der politischen Ueberzeugung. Wollen wir, hoffen, daß sie ihr gegenüber nicht versagt. : Die gildene Pawe. Der neueste Versuch, jiddisches Theater in Wien zu verwirklichen — rlio Kleinkunstbühne iu der Rienaergassc ■— nennt sich, da nun einmal die bunten Vögel durch dio Küssen in Modo kamen, in glücklicher Anlehnung an das be-. kannte jiddische Volkslied „die gildene Pawe". "Wollen, wh* hoffen, daß diese Pawe nicht mit zerzaustem Gefieder von ihrem Fluge zurückkehrt, nachdem sie ihr© golden» Feder „mit a groißen Schand" verloren, Schande freilichnicht für sie, sondern für das jüdisch© Publikum, daß von. einer erbitternden Gleichgültigkeit ist, in einem Falle, wo es gar nichü ton Gotteslohn in das Theater zu gehen brauchte, sondern selir wohl auf seine Rechnung käme. Die „gildene Pawe" tfst ein,, nach dem gleich zu Anfang; mißglückten „Klasl" mit viel größeren geistigen. Mittel» und ungleich stärkerer Intensität unternommener Versuch: Das Resultat entspricht 'denn Einsatz. Es ist ein Anfang, der, Hoffnung gibt. Wenn nicht das Publikum und damit die materiellen Mittel ausbleiben, wie bisher. Denn ein künstlerisches Unternehmen kann sich nicht auf die Dauer «tüiv von der Opferbereitschaft seiner Mitarbeiter» der. Schauspieler, Maler und Regisseureerhalten. Das Programm besteht aus kurzen Bildern, Inszenier im-, gen jiddischer Novellen und Volksslieder; Das erste Bild, „der Schabbesgoj" erinnert in der Figur des „Jossale" noch zu sehr und störend an die komische Person des unerquicklichen jiddischen Vaudevüle. Die Inszenierung des „Mai ku maschmo Ion" ist schon besser gelungen. Am harmonischsten, wirkt die Szene beim Rebben, die sich in Steigerungen: ■ von den Wundererzählungen der Chassidim zu tief stinv;, mungsvollen Gesängen und Tänzen erhebt. Nur müßte hier, der Ausdruck der Hände in der Gesangsszene plastischer und weniger zufällig sein. Die Dramatisierung; von Pere»:. „Bonzie Schweig" ist problematischer, sicher ist aber, dafl. sie wirkt und somit der Erfolg dem Regisseur recht/gibt. Die Geschmacklosigkeit, Bonzie bei seiner Ankunft. in dem ■ Himmel vom. Chor der Seligen mit dem Gesellschaftslied' ■ „Lomir alle ineinem" begrüßen zu lassen, entspringt aber zweifellos dieseT Unsicherheit des Regisseurs seinem Stoffe Arbeiter und Angestellte versichern ausschließlich bei der Bemelnde Wien Slii* Versidieniiposlell Feuer- und Einbruch^ versicherungfürWuhnungen ■— Unfall- und Haftpflichtversicherung - Glasbruchversicherung — Lebensversicherung ohne ärztl. Untersuchung bis zu 40,000.000 K oder in jeder gewünschten Währung Direktion: Wien, I., Tuchlauben 8 Tel.67-2-72, 67-401,69-0 63