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Unsere Tribüne · 1925-01-15 · 1 (15.01.1925) · p. Seite 2

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Journal
Unsere Tribüne
Volume
2 (1925)
Issue
1 (15.01.1925)
Date
1925-01-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 '.......... .........; , ]• . •, '«4ii*r: Die büfgerfichen Zionisten gegell die jlÜdische Spfache. Auch, die bürgerlichen Zionisten in Polen machen tes der jüdischen Bevölkerung nicht schwer, ihr wah^ ires Antlitz> ihre Volksfeindlichkeit zu erkennen. Der Abgeordnete. Prilutzki hat im polnischen Sejm einen Antrag für den Schutz der Schulen in jiddischer Sprache eingebracht. Die bürgerlichen 7ionisten, mit Ausnahme des. einstigen Poalezionisten Dr. Schipper, halben gegen .diesen Antrag gestimmt. Es gehört eine •Unverfrorenheit dazu, um alll die heroischen Anstrengungen, die die jüdische Arbeiterschaft für die Erhaltung des1 jiddischen Schulwesens macht, mit solcher Oei-ingschätzung zu behandeln. Sonst belieben die bürgerlichen Zionisten für die Einheit des jüdischen Volkes zu schwärmen, wenn sie aber, für die Schulen der arbeitenden jüdischen Bevölkerung eintreten sollen, offenbaren sie, daßauch für. sie — wie für das Bürgertum aller Völker — der Nationalismus bloß einen Vorwand für ihre Klasseninteressen darstellt: „ . . ., .; \ ' Dieser Verrat, des bürgerlichen Zionismus wird aber auch seine gute Wirkung auf die jüdische Bevölkerung nicht verfehlen, es wird' allen klar werden, daß die bürgerlichen Zionisten zu den Feinden der auflebenden jiddischen Kultur gehören und man wird sie danach behandeln. D s Jubiläum der „Arbeiter-Zeitung". * Dreißig Jahre> sind bereits verstrichen, seit ein Häuflein entschlossener, kämpf freudiger Revolutionäre, •unter Fühlung von Viktor-Adler1 die.Herausgabe eines täglichen Kampf- und Erziehungsorgans der österreichischen /-Arbeiterschaft beschlossen und durchgeführt hat. Was die österreichische Arbeiterschaft im Laufe dieser 30 Jahre geworden ist, das ist zum. großen Teile das Werk der „Arbeiter-Zeitung". Sie ist den Arbeitern s(tets Lehrer., und Kampfgenosse gewesen. Die Schöpfer und Leiter der „Arbeiter- Zeitung" können wohl in den Früchten ihrer Arbeit den schönsten Dank für ihre aufopferungsvolle Arbeit erblicken.;Wir wollen kein Hehl daraus machen, daß die '„Arbeiter-Zeitung" nicht immer das richtige Verständnis den Bestrebungen des jüdischen Proletariats entgegengebracht hat, aber trotzdem, nat sie. auch vie-. Unsere TWbüne ich judischen Arbeitern den züffl Sozialismus, zur klassenbewußten "Arbeiterschaft geebnet und dafür sind wir Ihr zu großem Dank"verpflichtet. Als Teil des klassenbewußten Proletariats, als uneingeschränkte > Kämpfer für die Verbreitung und Erstärkung seiner Presse, werden wir die solidarische Hilfe der österreichischen Arbeiterschaft für die Ziele des jüdischen Sozialismus egwinnen. Der Gruß der jüdischen Sozialisten1 in der. österreichischen Sozialdemokratie und unserer Genossen in den anderen Länderndem erfolgreichen Kampforgane des klassenbewußten Proletariats in der deutschösterreichischen Republik, der „Arbeiter-Zeitung"! Das 75jährige Jubiläum von Eduard Bernstein. Unter Anteilnahme der Sozialdemokratie aller Länder und Zungen hat der Nestor des modernen Sozialismus, Eduard Bernstein, sein 75jähriges Jubiläum gefeiert. Auch unser Verbandsbüro hat dem ehrenwerten und beliebten Meister gratuliert. Wir schließen uns diesen Glückwünschen an. , Die „Wiener Morgenzeitung" als Helferin der bürgerlichen Reaktion. Es verdient festgehalten zu werden, daß in der ersten Reihe der reaktionären 'Zeitungen, die aus Mitleid für die armen Hausbesitzer, den Kampf der Sozialdemokraten für. den Mieterschutz zü begatellisieren versuchen, die — „Wiener Morgenzeitung" marschiert. Diese Zeitung, die mitl Recht bis auf das Niveau der Redaktion,- die „jüdische Reichspost" genannt wird, erlaubt sich, ohne Angabe irgendwelcher Beweise, den Ernst und die Entschlossenheit dieses Kampfes der, Sozialdemokraten anzuzweifeln. Daß' sie kein einziges Wort der Entrüstung gegen den frechen; Angriff der Reaktion aufbringt, ist bei der ausgesprochenen arbeiterfeindlichen Gesinnung dieser Herren, die Herrn Dr. Plaschkes.im1 Gemeinderat zu ihrem Vertreter auserkoren haben, gar nicht verwunderlich. Wir würden uns nur wundern, wenn die arbeitende jüdische Bevölkerung es nicht verstehen sollte, die Abhängigkeit dieser Zeitung vom1 Großkapital gebührend einzuschätzen. Es ist eine Schande für-die jüdische «Bevölkerung dieser Stadt,' daß eine Zeitung, die sich, als1 jüdische, bezeichnet,; - •'• .; .......■ . , _ Wf.J ' •'r pf§ offenkundig die Geschäfte der Reaktion besorgte restlose Isolierung dieser ^Repräsentanten* des Judeft* tums" ist eine unbedingte Notwendigkeit J:t Bus Oer Wiener jüflisto Gemeinde. Hinter verschlossenen Türer.. Was für niemanden ein Geheimnis war, — dieverzopfte,; bürokratische Geheimtuerei der Israelitischen Kultusgemeinde —, hat sich bei der eben stattgefundenen Konstituierung des neuen Kultusvorstandes wieder einmal glänzend bewiesen. Hinter verschlossenen Türen läßt die derzeitige jüdisch-nationalassimilatorische Majorität so ziemlich abtun, woran die Oeffentlichkeit Interesse nehmen könnte: Wahl eines Präsidiums und der Vertreter, sowie die .Parteiendeklarationen. Selbst diese sind nach dem Geheimsystem der Wichtigtuerei nichts für die Oeffentlichkeit. Noch vor der Eröffnungssitzung hatten die Mandatare der „Wahlvereinigting für soziale Tätigkeit'.', einen schriftlichen Protest. gegen die Geheimhaltungder Sitzung überreicht, und die Oeffentlichkeitserklärüng derselben verlangt, selbstverständlicherfolglos. Die jüdische Bevölkerung wird mit ihrem Urteil über diese, neuerliche Verhöhnung aller demokratischer Prinzipien nicht zurückhalten. Für die Mandatarae der „WahlVereinigung" ist dies ein Ansporn, nicht eher zu ruhen, als bis. dieser unwürdige .Zustand beseitigt ist und die Sitzungen der Israelitischen Kultusgemeinde in gleichem Ausmaße öffentlich zugänglich sind als die anderen Körperschaften. Der Prozeßfuror nach den Kultusgemeindewählen. Ein' bei anderen Wahlen nie vorgekommener Unfug, dessen Einführung den Kultusgemeindegewa'Itigen vorbehaletn blieb, sei hier in seiner ganzen Lächerlichkeit hervorgehoben. Wir meinen den Rattenschwanz : von Ehrenbeleidigungsprozessen, den dieauf einmal so empfindlich gewordenen Herren in, die neue Mandatsperiode hinübergezogen haben. teilen. Diese Geschenke aber schlugen mir nicht wohl! an , und von solchem Gotteslohn aus Menschlichkeit hörte ich beinahe auf, ein Mensch zu sein.. 'Zwar braucht man zu dieserlei Art Handel nicht unbedingt einen Menschen, man kann auch ohne es zu sein, als „Mensch", das heißt Ladendiener verwendet werden, aber Kraft, Gesundheit, die braucht man doch und die eben besaß ich einfach nicht, ich verfiel, verlor meinen letzten 'Rest von Kraft, kaum daß ich' mich auf den Füßen hielt. Spaß, was ich alles auszustehen hätte! Im Haus mußte ich mittun, in der Wirtschaft aushelfen, im Laden hatte ich zu arbeiten,, aufzuräumen, zu fegen, alle zu bedienen, alle zufriedenzustellen. Mit dem! Essen warf es arg bestellt. Hiebe dagegen setzte es von allen Seiten, von Fremden wie von Hausleuten. Der älteste Kommis hetzte mich noch, mehr als alle anderen zu Tode. Jch war ihm ein Dom im Äuge. Trotz alledem -hätte ich es vielleicht in meinem Berufe ausgehalten, wenn sich nicht eine Geschichte mit einem Knopf ereignet hätte. Eines Tages erblickte ich in unserem1 Laden auf dem Boden irgendwo einen Kno_pf aus Perlmutter, ^der in den verschiedensten Farben funkelte und' leuchtete und mir so in die Augen stach, daß ich ein starkes Gelüste nach ihm' bekam. Dabei fiel mir mein krankes Schwesterchen ein. Ich will ihr den Knopf zum Geschenk machen, damit sie sich am Samstag-' oder am Feiertag mit ihm schmücke und vor ihren Freundinnen prunke. Dieser' Gedanke bestärkte mich noch in meinem Verlangen und als ich den Knopf vom Boden aufhob und ihn eben in meine Tasche legte, lief der älteste Kommis, der alles.' von ferne mitangesehen hatte, auf mich zu und erhob ein Geschrei: „So, du Lausbub, du Dieb, 'was steckst du in deine Tasche? Sehen Sie, Chefin," jsagteer, „alle die Sachen, die uns bisher gefehlt haben, das ist sein Werk!" Kurz, man erteilte mir eine bittere, schwere Lektion, ohrfeigte mich tüchtig ab und jagtemich hinaus. ■\ ■ Deutsch'von Jizchak Grünberg. Mendele Mocher-Sforim: Der Kramladdiener.*) Meine Arbeit bestand darin, jeden, der vorbeiging mit Lärm und. Geschrei anzufallen und ihn in unseren Laden zu schleppen. Ging-jemand' auf der Straße vorbei, dann hetzte man mich wie einen Hund auf ihn' und'ich mußte hinauslaufen und in einem Atem ausrufen: „Leinwand,.'Hosenträger, Taschenmesser, amerikanische Galoschen, Bambusstöcke, Mandelseife, Pomade" und . anderes derlei. Im Anfang* war es mir einigermaßen peinlich: Wie lauft man so mir nichts dir nichts auf die Straße und schreit und stellt sich fremden Menschen in den Weg: Ich pflegte mich' deshalb oft zu drücken und die Sache ein wenig aT> zukürzen, erregte aber dadurch den hellen Zorn meines. Chefs und meiner Chefin, die mich daraufhin mit den niedrigsten Schimpfworten bedachten und mir vorwarfen, daß ich ihr Brot und Salz umsonst fresse, wobei ich mich doch reichlich plagte, über meine Kräfte arbeitete und allerhand Arbeiten im Laden und im, Hause verrichtete. Dazu war ich noch der Diener der . älteren Handlungsgehilfen, ging für sie durchs Feuer und Wasser, kroch ihnen unter die Nägel und war dabei glücklich wenn ich von ihnen keine Schläge erhielt und heil aus ihren Händen davonkam. Traf es sich aber einmal, daß ein Diener aus einem anderen Laden mir einen Käufer abfing, dann konnte ich schon meine Rechnung mit dem Leben abschließen. Allle, bei uns im Laden fielen über mich her, der mit 'der Zunge, der mit der Hand und man traktierte mich mit soviel, als ich nur immer aushalten konnte; meine Mutter und mein Vater, Welwel, der Melamed, Gott hab ihn selig, kamen in diesem Falle auch nicht zu kurz, man vergaß, behüte der Himmel, nicht an sie: man schalt mich sowohl in meine mütterliche, als in .meine väterliche Abstammung, bis ganz hinauf zum Erzvater Abraham! Vom Essen konnte an einem solchen bitteren Tage gar keine Rede sein, *) Ein Kapitel aus „Dus kleine Mentschele". ich fastete, verkostete nicht das geringste. Man bot sogar das rituelle Gebot auf und erlaubte mir Wür^ mer und die ,:, Kränk" zu essen, da aber ^Würmer- und Kränkessen nichts für den menschlichen Magen ist, pflegte ich den Tag wie einen richtigen Fasttag zü verbringen. Und solcher Fasttage gab es für mich oft mehrere in der Woche. Da ich nun einsah, daß es so nicht ging, machte ich mich an mein Geschäft mit Hingabe. Kaum daß sich' jemand, der die entfernteste Aehhlichkeit mit einem Käufer hatte, von weitem zeigte, stürzte ich mich wie ein von der Kette losgelassener Hund; auf ihn, schrie ihm den Kopf voll mit meiner ganzen Liste von Waren, verstellte ihm den Weg und riß ihn an seinen Rockschößen. Es kam vor, daß ich von einem derart Ueberfallenen einen Hieb erhielt, oder daß mir einer ins Gesicht spie, ich aber tat das, m einige als ob nichts1 geschehen wäre. Mit der Zeit wurde mir das so zur Gewohnheit, daß das Schreien für mich zu einem Vergnügen, zur Unterhaltung wurde. Es machte mir sehr viel Spaß, wenn es mir gelang, irgend einen feinen Herrn zu erwischen, ihn mit meinem Geschrei zu betäuben und ihm bei der Aufzählung der verschiedenen Galanteriewaren unter anderem auch: „belieben der Herr vielleicht Pariserisches, mein Herzweh auf deinen Kopf! Pomade gefällig, Wunden, Schlagtreff (Aussatz) der Herr!", anzubieten. Diese, meine kaufmännische Tätigkeit auf der Straße, verwickelte mich auch oftmals in Streitigkeiten mit Dienern aus anderen Läden, die auch Kunden abfingen und ihre Waren ausschrieen. Wir balgten uns draußen über die Käufer genau so wie» es unsere Chefs innen, in ihren Läden, über die Losung zu tun pflegten, mit dem 'kleinen Unterschied: bei ihnen warf man mit 'Preisen um sich, flogen die Ansätze, bei uns waren es Hiebe, die man um sich warf und Ohrfeigen, die flogen. Und da ich der kleinste und der schwächste unter allen meiner Berufsgruppe war, galt es als Gotteslohn, alle die besten Hiebe und die gesalzensten, brennendsten Ohrfeigen, dem1 Gebote der Menschlichkeit zufolge ausnahmslos mir zuzu-.

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