Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 1 (15.01.1925)
- Date
- 1925-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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^- r. T-4'"^ * - * **? •■ii •' _ . tsX)^0 -«•«SH - Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien Erscheint zweimal monatlich Nr. I. Wien, 15. Jänner 1925. ^daktljttjiu^j Administration: Wien, II., Blumauerga&öe l/II Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: Vierteljahr.. 12.000 K halbjähr. . . 24000 , Einzelne Nummer 2000 Kronen 2. Jahrgang. Für die Sicherung unseres Organes. Genossen und Freunde! Im Sinne des Beschlusses unserer letzten Hauptversammlung hat sich die Leitung der Organisation eingehend mit der finanziellen Sicherung -und der redaktionelle« Ausgestaltung unserer Zeitung befaßt. Das Iiedaktions- Icomitee ist erweitert worden, es ist ein Plan für die Sicherung und das regelmäßige Erscheinen „Unserer Tribüne" beschlossen worden. Wenn unsere Genossen und Freunde ihre Unterstützung nicht versagen werden, ist die begründete Aussicht vorhanden, daß unsere Zeitung in der nächsten Zeit ihren Aufgaben wird gerecht, werden können. Die Zeit vom 15. Jänner bis 15. März, sind als Werbeftionate für „Unsere Tribüne" bestimmt worden, tm Laufe dieser Zeit sollen neue 1000 Abonnenten; gewonnen werden. Jeder Genosse und Freund soll es sich y,ur Pflicht machen, eine Anzahl Abonnenten in seinem .Kreise zu werben. Die fortschreitende Teuerung hat uns gezwungen, das Abonnement „Unsere Tribüne" zu erhöhen. Der Bezugspreis wird ab Jänner vierteljährig K 12.000, halbjährig K 24.000 Iwtragein. Die einzelne Nummer wird K 2000 kosten. Unsere Genossen und Freunde werden es sicherlich begreifen, daß wir diese Erhöhung nicht umgehen konnten. Pr essek omitee der Org. Poale Zionf^ ■ , . (Jl»r9j;f;i ■ .. . .<.....;.;■«, ... ..•■•>• Die Herausforderung der österreichischen Reaktion. . (Herr Seipel hat seinen ihm blindlings gehorchenden Parteigängern den Angriff gegen die sozialen Errungenschaften der österreichischen Arbeiterschaft kommandiert und die Getreuen haben pariert. Der .-erste Angriff gilt dem Mieterschutz. Nur die schwärzeste Reaktion, unter Führung, dieses rücksichtslosen Seelenhirten konnte die Perfidie aufbringen, um in einer Zeit furchtbarster Arbeitslosigkeit und entsetzlicher Stagnation, den Mietern noch einen vielfach höheren . Zins auferlegen zu wollen. Zu. einer Zeit, da täglich verzweifelte Arbeiter freiwillig^ in den Tod V,ehen, um schweren Leiden endgültig zu entgehen, findet dieses priesterliche Oberhaupt nichts dringenderes, als die Hausbesitzer mit einigen Milliarden: 'arbeitslosen Einkommens zu bedenken. Und das nennt sich christlich und sozial. Die österreichischen Sozialdemokraten haben nicht "gezögert und haben diese freche Herausforderung, die auch nicht vor da* parlamentarischen Satzung 'halt machen wollte, gebührend geantwortet. Die bürgerliche Presse aller Schattierungen gebärdet sich in ihrer Demokratie verletzt, weil die Sozialdemokratie Gewalt mit Gewalt beantwortet. Diese elenden iHeuchler! Dieselben Herren, die bei jeder Gelegenheit nach Gewaltmaßnahmen gegen die Arbeiterschaft rufen, jammern jetzt ob der Verrohung der parlamentarischen Kampf weise, ob des Jazz-Bands im Justizaussciiusse. Die. Kriegshetzer und Sklaven des {Kapitals werden wohl nicht erwarten, daß sie überhaupt ein denkender Mensch ernst nehmen wird. Umso weniger die klassenbewußte Arbeiterschaft«. Sie wird dieser frechen Herausforderung mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln entgegentreten, ob <is den Heuchlern der bürgerlichen Presse genehm sein wird, oder auch nicht. Der Kampf um clen Mieterschutz ist eine Schicksalsfrage für die arbeitende österreichische Bevölkerung und die Sozialdemokraten werden im Parlamente diesen Anschlag der Reaktion schon abzuwehren wissen. Neue Möglichkeiten für den Poalezionismus in Wien. Die am Sonntag, den 7. Dezember abgehaltene Hauptversammlung unserer Wiener Organisation darf mit Recht als Anzeichen einer günstigen Wendung in unserer Tätigkeit gewertet werden. Die positive Stellung des Organisationskomitees zu den Wahlen in die Kultusgemeinde, wie auch das Wahlbündnis im Rahmen der „Wahlvereinigung für soziale Tätigkeit in der Kultusgemeinde", wurden ohne .Widerspruch gutgeheißen. Es warj allen Genossen klar, daß wir durch die Wahlbewegung und durch die bevorstehende Gründung der Vereinigung für sozialejüdische Tätigkeit bedeuetnde taktische Vorteile errungen haben. ,| Wir haben durch unser Eingreifen in die poliitsche Betätigung innerhalb des jüdischen Lebens die fast ausschließliche Monopolstellung der bürgerlichen Jüdischnationalen erschüttert. Wir haben sie der Möglichkeit beraubt, ihre Machtposition in der Kultusgemeinde, künftighin für ihren Kampf gegen die proletarischen Vertreter bei Nationalratswahlen auszunützen. Es wird wohl nicht schwer fallen, die reaktionären bürgerlichen Jüdischnationalen in der Kultusgemeinde selbst zu demaskieren und der jüdischen Bevölkerung das' wafere-Äntlitz' 'unserer ',;Patrioten'' zu enthüllen. Das ist Unsere Vornehme Aufgabe als Teil des klassenbewußten Proletariats dieser Stadt, dieses Landes. Anderseits steht uns, durch unsere Beteiligung an der Verwaltung der jüdischen Gemeinde, die Möglichkeit offen, ein Stück Mittelalter im jüdischen Leben, im modernen, demokratischen Sinne um- und auszugestalten. Wir durften es nicht länger ertragen, daß in einer Stadt, in' der die Demokratie das öffentliche Leben völlig beherrscht, die jüdische Gemeinde, die fast einzige Insel des Rückschrittes bilde, daß die Angestellten der Kultusgemeinde — über 300 an der Zahl — die einzigen öffentlichen Angestellten sein sollen, die sich von ihren Vorgesetzten wie Untertanen behandeln lassen. Wir werden diesen jüdischen Patrioten — das jetzige Triumvirat: Prof. Pick, Dr. Ornstein und Dr. Löwenherz—es beibringen müssen, daß uns die sozialen Ideen der Bibel bitterer Ernst sind. Alle Genossen waren sich darin einig, daß wir uns von der Erfüllung dieser Pflichten nicht drücken dürfen. Die Wahlbewegung hat allen Genossen, die sich an ihr beteiligt haben, offenbart, daß wir durch unser Eingreifen uns eine neue Peripherie erschlossen haben, auf die wir einen steten Einfluß, im Sinne unserer Ueberzeugungen ausüben können, Wie durch eine chinesische Mauer waren wir jahrelang von der jüdischen Bevölkerung getrennt, jetzt sind wir, zumindest dem arbeitenden Teile der jüdischen Bevölkerung so nahe gekommen, daß eine gesunde Wechselwirkung ausgeübt werden kann. Um aber diesen Aufgaben gerecht werden zu können, benötigen wir dringend einer Ausgestaltung unseres Organiastionsapparates und einer Intensivierung unserer Tätigkeit. Die Hauptversammlung hat die Richtlinien für die Ausgestaltung unserer Tätigkeit beschlossen. Wenn unsere Genossen sich in den Dienst der Organisation stellen, wenn sie das Gebot der Stunde erfassen werden, dann, nur dann, wird für uns eine Periode erhöhter und erweiterter Tätigkeit für den Poalezionismus anheben. L. K. Würdelosigkeit. Sokolow am Hofe des rumänischen Königs. Herr Nuchim Sokolow, das Oberhaupt der zionistischen Weltbewegung, war zu Besuch beim König von Rumänien und war Gast des Königs bei einem feierlichen Diner. Ueber die „großen diplomatischen Erfolge", die Sokolow in Rumänien errungen hat, wurde noch nicht berichtet, das wird wohl für den künftigen Zionistenkongreß aufgehoben. Oder aber bilden sich die zionistischen Diplomaten ein, daß der Empfang des Herrn Sokolow am rumänischen Königshofe schön an sich als Erfolg! zu werten1 sei? Der Bescheidenheit der zionistischen Leitung darf man auch das zutrauen. ' An diese Bescheidenheit der zionistischen Leitung haben wir uns — in der Zeit der Erweiterung der „Jüdischen Agentur" {— bereits gewöhnt, aber eine solche Würdelosigkeit, wie der Besuch Sokolows in Rumänien einen darstellt, soll man doch nicht unbestritten hinnehmen. Heutzutage stellt Rumänien — neben Horthy-Ungarn — das Land der wüstesten Reaktion und — wie v immer — den Hort des wildesten Antisemitismus? dar. Nirgends sind die Juden der Willkür des parasitären Großgrundbesitzes und des von ihm aufgehetzten Pöbels so schutzlos ausgesetzt/ wie in Rumänien. Nirgends werden die primitiven menschliche Gefühle1 und Rechte der Juden so rücksichtslos mit Füßen ge^ treten, wie in diesem Bojaren lande. Und das Oberhaupt der größten jüdischen Organisation der Welt macht diesen Herrschern Honeurs und setzt sich mit ihnen zur Tafel! Kein Wort des Protestes gegen das' Wüten der Judenfeinde im Lande, kein Wort des Trostes, der Entschuldigung, ob dieses, mit der nationalen Würde unvereinbaren Besuches, hat Herr Sokolow an die Juden Rumäniens gerichtet. Herr Sokolow kennt seine Pappenheimer, er weiß, daß das jüdische Bürgertum Rumäniens so eingeschüchtert ist, daß es ihm1 diesen Hausjudenbesuch nicht verargen wird. Das würdelose Mauscheljudentum erlebt im bürgerlichen Zionismus seine Auferstehung. Vor kurzer Zeit hat Albert Thomas; als Vertreter des internationalen Arbeitsamtes Rumänien besucht. Wir schwärmen nicht für Thomas und sind auch nicht von allem entzückt was er in Rumänien getan, aber zugestehen muß man, daß Thomas seine Anwesenheit im Lande auch dazu benützt hat, den unterdrückten Arbeitern die Zunge zu lösen und die Regierungsvertreter waren gezwungen, schwere An- klagen der Arbeitervertreter gegen die Regierung mitanzuhören. Die revolutionäre Arbeiterschaft Rumäniens hat wohl vieles gegen die Politik und das Wirken Thomas' einzuwenden, aber sie wird es nicht zu leugnen vermögen, daß mancher seiner Schritte in Rumänien den revolutionären Mut, die Ausdauer des Proletariats gestärkt hat. Und welches Gefühl hat der Besuch Sokolows bei den noch aufrechten Juden, insbesondere bei den jüdischen Arbeitern ausgelöst? Ein Gefühl der vollkommenen Würdelosigkeit. ' M. S. Von der Administration. Gleichzeitig mit der heutigen Nummer werden an alle Abonennten Mahnungen versendet und wir ersuchen, den. entfallenden Betrag mittelst beiliegendem Erlagschein " ehestens einzusenden.