KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- Seite 173 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nachr.-Heft K. C.-BlatLer 173 in dieser Leporelloliste vorläufig. Als im 9. Heft der „Burschenschaft?. Bl." diese, von uns bereits kommentierten, Auslassungen erschienen, da mußte man sich fragen: Schlucken ihre Leser, besonders die älteren, diesen Brei ohne jedes Mißbehagen? Man konnte es leise bezweifeln, weil selbst auf diesem Gebiete die Burschenschaften doch noch euren Ruf zu verlieren hatten, und glaubte seinen Zweifel schon bestätigt, als in einem der nächsten Hefte tatsächlich ein Opponent sich meldete. Bemerkenswerter Werse war das ein Großneffe des unvergeßlichen Gabriel Nießer, Professor Otto Rießer. Seine Entgegnung bewies durch die bloße Tatsache ihres Geschehens, daß in Gabriel Nießers Nachkommenschaft noch nicht jede Spur seines Geistes verweht ist, war in der Sache selbst freilich recht dürftig. Professor Rießer spezialisierte sich hauptsächlich darauf, die Verdienste seines großen Vorfahren ins Licht zu heben. Heber die Art und Weise des inkriminierten Artikels, über das gedankenlose Hinplappern niederziehender, verallgemeinernder Redensarten bemerkte er nur, es sei unwissenschaftlich. Dieser Ausdruck war für den plumpen Gossentin des besagten Aufsatzes viel zu zahm. Rießer klammerte sich auch viel zu sehr ans Unwesentliche, denn er widmete zahlreiche Sätze dem Nachweis, daß sein Gegner die Brüder Moritz und Robert von Mohl verwechselt habe, daß er die Geschichte des Krönungsangebotes an Friedrich Wilhelm IV. schief wiedergegeben habe. Solche Angenauigkeiten hatte man dem Artikelschreiber noch am ehesten verzeihen können. Diese Art des Korrigiertwerdens verhalf dem Angegriffenen zu einer billigen Entgegnung, denn er brauchte nur darzutun, daß durch die geschilderten historischen Unebenheiten noch nicht eine glatte „Anwissenschaftlichkeil" bewiesen werde. Auf die zwar gewollten, aber nicht ausgesprochenen Vorwürfe, seine verallgemeinernde Ansachlichkeit sei unwissenschaftlich, brauchte er nicht erst einzugehen. Schließlich raffte sich Professor Rießer doch noch zu der prägnanten Feststellung auf, die Deutsche Burschenschaft müsse mehr Takt und Traditionstreue aufbringen, dürfe nicht die vielen wertvollen Bundesbrüder jüdischer Abstammung vergessen, und müsse die Schmach der Beschlüsse vom „Negerweib" tilgen. Welches war nun die Wirkung dieses Appells an Takt und Bundestreue? Die Schriftleitung beeilte sich, einen weiteren Aufsatz zu beschaffen, in dem die Infamien des ersten ausdrücklich wiederholt und als offizieller Ausdruck der heutigen Burschenschaftlermeinung hingestellt wurden, und sie schrieb am Ende der Diskussion sogar eine Entschuldigung hinzu, daß sie Professor Rießer überhaupt das Wort verstattet habe. Diese Erklärung ist wert, im Wortlaut festgehalten zu werden, als beredtes Zeugnis für die Entwertung alter Traditionsbegriffe in der deutschen Studentenschaft: „Wir schließen hiermit die Auseinandersetzung zwischen Dr. Hoppmann und Professor Rießer. Aus Gründen der Loyalität haben wir Professor Rießer zu Worte kommen lassen, obwohl er sich gegen wichtige burschenschaftliche Grundsätze wendet. Die Schriftleitung hat es aber für richtig gehalten, .einer Auseinandersetzung nicht aus dem Wege zu gehen, da die Burschenschaft in der Frage des Antisemitismus klar genug ist, um vertragen zu können, eine entgegengesetzte Auffassung zu hören. Wir haben Gelegenheit genommen, dabei die Grundlagen unseres Antisemitismus noch einmal zu entwickeln durch den Aufsatz von R. Rüdel. Wir glauben, daß das Ergebnis der Aussprache nur eine Festigung und Bestätigung der antisemitischen Anschauung sein kann, zu der sich die Burschenschaft in den Nachkriegsjahren durchgerungen hat." Da steht es also schlicht und klar: Professor Rießer hat gegen wichtige burschenschaftliche Grundsätze verstoßen, weil er Takt und Treue gefordert hat. Nicht etwa die Burschenschaft hat verstoßen, weil sie in ihrer unbedingten Iudenfeindschaft derart verkrustet ist, daß sie nichts mehr von den Zeiten wissen will, in denen sie ein wenig großzügiger war, und in denen sie Gelöbnisse gab, auf deren Bestand man bauen konnte. Das liegt nun hinter ihr. Es heißt, der Kampf, den man gegen sich selber fechte, sei der edelste Kampf. Ob das auch für den Kampf gegen das eigene Gewissen gilt?