KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 47 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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K. C.° Blätter 47 einem klar abgegrenzten Kreise. Die Beziehungen vom Ich zum Du sind nicht verwischt durch mystisch-metaphysische Ausweitung, sie sind ganz deutlich und bestimmt dargestellt. Hier zeigt sich der starke intellektuelle Einschlag in Heines Wesen, das gerade durch die eigenartige Mischung der Gefühls- und Verstandeskräfte seine besondere Färbung erhält. Dem hohen Flug der Wünsche über das Erreichbare hinaus, dem überschwänglichen Verlangen nach Glück und Erfüllung steht die Einsicht gegenüber, daß die Hoffnungslosigkeit des Strebens den schwärmerischen Ausdruck nicht rechtfertige, und andererseits ist er sich bewußt, daß ihm die Realität, die er scharf erkennt, nicht Genüge tut. Diese Unvollkommenheit des gegenwärtigen Zustandes löst im 23. Gedicht der „Heimkehr" die schauerliche Vision zukünftigen Lasters und Verbrechens aus. Oester aber äußert sich diese doppelte Ablehnung, der Schwärmerei und der Realität, bei Heine im charakteristischen Spiel des Spottes und der Ironie, die sich wieder von der romantischen durch das bestimmte Erfassen ihres Gegenstandes ohne metaphysische Absicht unterscheidet. Bereits in den Fresko-Sonetten zeigt sich eine Hiflosigkeit gegenüber der heftig ihn umdrängenden Wirklichkeit. Zwischen Bewunderung und Abscheu hin- und hergerissen, behauptet er sich auf eine, noch ungefüge und unreife Art, bis er die ihm eigentümliche Form der Selbstbehauptung findet: Er mischt poetische Uebersteigerung mit kalter Wirklichkeit, und aus dem Kontrast löst sich „das schöne, gelle Lachen" (Fresko- Sonette 3). Er schämt sich gelegentlich des ungehemmten Gefühls, und dann wird der Spott zur Selbstpersiflage. Das immer rege Bewußtsein des Dichters sieht sich zwischen den schmerzlichen Erlebnissen des Traums und des Wachens, und die sarkastische Wendung entwertet beide Daseinsstufen, um das Dasein überhaupt zu ermöglichen. Er empfindet den Zwiespalt als „Mißverhältnis zwischen Körper und Seele" und nimmt damit ein Motiv der zweiten Periode seines Lebens vorweg. Noch hat er sich nicht für das Recht der Materie entschieden. Noch sind ihm die Griechen widerwärtig, und er liebt nicht ihre Götter (Nordsee I! 6), wie denn auch in seiner letzten Lebensepoche die Bewunderung für die Griechen stark eingeschränkt ist. Doch auch in der zweiten Epoche ist das Mißverhältnis nicht überwunden. Es treibt ihn nur in die Stellung eines Vorkämpfers und Wegbereiters. Erst als ferner Traum winkt das dritte Reich, in dem alle Gegensätze aufgehoben sind. In einem grundlegenden Zuge seines Wesens aber, der sich durch alle drei Phasen seines Daseins verfolgen läßt, und der ebenfalls in seiner ausgeprägten verstandesmäßigen Einstellung wurzelt, findet er den Ausweg, durch den er die Dissonanzen zu lösen sucht: Nicht Erlösung sucht er, sondern Gerechtigkeit. In der zweiten Phase gibt diese Einstellung sich als Forderung nach sozialer Gerechtigkeit kund, in der dritten erlangt sie ihre volle Bedeutung und gibt seinem Weltbild den klaren, beruhigenden Zug. Selbst im Liebeserlebnis der ersten Zeit fehlt sie nicht. Die bitteren Anklagen des Verschmähten, der Hinweis auf den reichen Philister, der die Braut heimführt und elend macht, zeigen das Verlangen nach gerechter Anerkennung seines Wertes, auf einem Gebiet, in dem bekanntlich Recht, Gesetz und Macht keine Geltung haben.