KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 46 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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46 K. C.-Blätter es springen die Wellenrosse, der Sturm peitscht die Wellen — und die Geräusche: das Heulen und Brausen der Flut, Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen und wiegenliedheimliches Singen verschollener Sagen. (Nordsee 12.) Immer aber ist der Mensch gegenwärtig mit seinem Grübeln und Sinnen, dem weitschwingenden Flug seiner Phantasie und seinem leidenschaftlichen Aufbegehren. Er steht nicht bloß als Staffage im Bild der Landschaft. Wechselnd strömen die Gedanken vom Element zum Menschen und suchen bei beiden die menschliche Passion. Ganz anders behandelt Goethe in den Gedichten „Meeres Stille", „Glückliche Fahrt" und „Seefahrt" dieses Thema. Bei ihm überwiegen visuelle Eindrücke, die Stimmung ist ausgeglichen und ruhig, und der Mensch, der auch hier nicht fehlt, steht im Verhältnis des Kontrastes zur Formlosigkeit des Elements. In der „Seefahrt" wagt ein Kaufmann (Heine schildert nirgends Menschen im Beruf) die Fahrt übers Meer, und, männlichen Sinnes,. trotzt er den Launen des Geschickes: „Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen, Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen", heißt es von ihm. Unbeugsam strebt er seinem Ziele zu. Heine aber sagt: „Mein Herz gleicht ganz dem Meere, hat Sturm und Ebb und Flut."! Wieder erweisen sich die beiden Lebensgestaltungen in ihrer vollen Gegensätzlichkeit. Der Mensch, der dem Geformten sich anschauend hingibt, der im Seienden sich wiederfindet, sucht das Ungeformte unter seinen Willen zu zwingen und sich ihm gegenüber zu wehren.^ Der Mensch aber, in dessen Herzen die ruhelose Flamme der Leidemschaft brennt, fühlt sich dem Ungestalten verwandt, und er bekennt: „Ich liebe das Meer wie meine Seele." * Im Brennpunkt der Dichtung Heines steht das Menschenherz. Aber es ist, ebensowenig wie die Natur, im Zustande der Ruhe, der Besinnlichkeit, der Entschlossenheit oder der begrenzten, aber sicheren und selbstbewußten Kraft dargestellt. Leidenschaftlichem Verlangen nach Wunscherfüllung, dem Höhenflug der Hoffnung folgt Enttäuschung, schmerzvolles Entbehren und die Vereinzelung der Seele. Diese Gesühlsskala beherrscht das eine, und vielleicht ein wenig eintönige Erlebnis der unerwiderten Liebe, dieses einfache Thema, das Heine selbst in die Worte faßt: „Sie war liebenswürdig, und Er liebte Sie, Er war aber nicht liebenswürdig, und Sie liebte Ihn nicht." Diese alte Geschichte, die immer neu bleibt, wie es in dem trockenen Resümee („Ein Jüngling liebt ein Mädchen") heißt. Auch in der Ballade findet er ein ausgezeichnetes Mittel, seelische Spannungen deutlich zu machen. Das eigentliche Sujet, die Klage um Verlorenes und Unerreichbares, herrscht hier genau so wie in den Liedern, und die Lieder reihen sich auch durch bewußte Kunst der Anordnung (besonders in „Lyrisches Intermezzo") wiederum zu einer großen Ballade. Das äußere Erlebnis konnte eben so einfach sein, weil es vor allem darauf ankam, die Gefühlswerte herauszuarbeiten. Aber die Empfindung verströmt nicht ins Unendliche wie bei den Romantikern, die in der Sehnsucht nach der Geliebten stets auch die Sehnsucht nach dem Absoluten mitfühlen, sondern sie weilt in