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KC-Blätter · 1931-05-01 · Heft 2 (Mai 1931) · p. Seite 45

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1931
Issue
Heft 2 (Mai 1931)
Date
1931-05-01
Page
Seite 45 (sequence 11)
Language
German
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K. C.° Blätter 45 Das geht soweit, daß die Natur nicht bloß menschliche Gefühlsbetontheit erhält, sondern durchaus menschliche Gewohnheiten und Impulse annimmt. Wenn der Mensch nicht selbst Gegenstand des Gedichts ist, so wird die Natur vermenschlicht. Der Wind zieht seine Hosen an, der Sturm spielt auf zum Tanze (Heimkehr 10 u. 11), die Wolken, die Töchter der Luft, schöpfen in Nebeleimern aus dem Meere das Wasser und verschütten es wieder hinein (Nordsee 113): das sind Beispiele für diese Gepflogenheit. Immer steht menschliche Passion, menschliche Aktivität, die starke Emotion der Seele im Vordergrund/, und alle sonstige Farbgebung ist Mittel zum Zweck dieser Darstellung« Selbst in den beiden Nordseeztzklen, in denen Heine sich ganz der Naturschilderung hinzugeben scheint, zeigt die Behandlung des Sujets das charakteristische Aeberwiegen leidenschaftlicher Seelenzustände. Dient in den meisten seiner Gedichte die Naturschilderung zur Hervorhebung und Verstärkung seelischer Vorgänge, so benutzt er hier immer wieder seelische Emotionen, um die Natur sich nahe zu bringen und sie in ihrer ständig wechselnden Gestalt greifbar zu machen. Vor allem aber ist die Wahl dieses Themas interessant, zumal wenn man daneben-- hält, daß Goethe nur ganz wenige Gedichte geschrieben hat, die das Erlebnis der Meereslandschast behandeln. Es ist kaum anzunehmen, daß Goethe von der ungeheuren Weite und der großartigen Kraftfülle des Meeres einen weniger starken Eindruck empfangen hat als Heine. Aber wahrscheinlich fand sein mehr aus das Gegenständliche gerichteter Sinn hier zu wenig Details, die er für sein Dichten verwenden konnte. Auf dem Lande haben die Gegenstände fest umrissene Formen, sie haben, ihren Namen und ihren bestimmten Platz im Raume und gliedern durch ihre Stellung seinen Bezirk. In der Meereslandschast gibt es große, weitgeschwungene phantastische Linien, nichts hält der Betrachtung stand, alles ist in Bewegung, flutet vorüber, vergeht und wird wieder neu. Gestalten, denen erst die Phantasie ihre Umrisse zeichnet, zerflattern und verwehen. Die Anschauung findet nur eine geringe' Zahl von Elementen: Wogen, Wolken, Sonne, Sterne und eine Reihe farbiger Impressionen. Aber sie treten in solchen Ausmaßen, und in so vielfältigen Nüancen auf, mit solcher Kraftfülle und Un-> bedingtheit, daß der Gefühlseindruck außerordentlich stark und nachhaltig ist, daß die Seele in ihrer Isoliertheit erschauert und weit hinausschweifen möchte mit dem Spiel der Winde und Wellen, in gleicher Leidenschaftlichkeit und gleich sicherer Gebärde. Dieser Gefühlseindruck teilt sich auch sehr eindringlich dem Ohre mit, im gurgelnden Heranströmen der Wellen und im ewigen Brausen des Sturmes. Der Rhythmus ungebändigter Kraft weckt im Herzen tausend Fragen, die Antwort heischen auf die Rätsel des Daseins. So entspricht es durchaus dem Gegenstände, wenn in Heines Meergedichten Rhythmus und Melos, die auch sonst von ihm sehr sorgfältig behandelt sind, eine besonders wichtige Rolle spielen. In den freien Rhythmen schreitet das kühne, weitausschwingende Wogen und Gleiten, in Alliterationen und wunderbar klingenden Komposita singt der seltsame Atem dieser Welt. Neben den Farben wird vor allem die Bewegung geschildert —

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