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KC-Blätter · 1931-05-01 · Heft 2 (Mai 1931) · p. Seite 44

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Journal
KC-Blätter
Volume
1931
Issue
Heft 2 (Mai 1931)
Date
1931-05-01
Page
Seite 44 (sequence 10)
Language
German
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44 K. C.° Blätter der immer nur die eigene Stimme aus dem Geschehen in der Natur heraushört und immer nur das in der Natur findet, was er selbst in sie hineinlegte. In diesem Falle fühlt der Mensch sich nicht als Glied der Natur, sondern versteht ihr Wesen nur so weit, wie sie seine Gefühle widerspiegelt. Aber diese Scheidung trifft noch nicht den Kern der Sache. Denn auch der Mensch, der der zuerst gezeichneten Verhaltensweise folgt, findet in der Natur einen Ausdruck seines Wesens, und darüber hinaus ist sie ihm fremd und uninteressant. Aber sein Wesen ist ausgeglichener und abgeklärter und umfaßt einen viel weiteren Kreis von Zuständen, wie eben die in sich ruhende Natur sie ausdrückt. Hier steht der Mensch als Seiender der seienden Natur gegenüber, während ihr im zweiten Falle der Mensch als handelnder, tätiger Genius gegenübertritt und sie mit in seine leidenschaftliche Aktion hineinzureißen sucht. Leidenschaftlichkeit ist sein auszeichnendes Merkmal. Entweder schwingt sich sein ausschweifendes Gefühl über alle Naturgegebenheit hinaus, oder er ist so besangen in seinem schmerzlichen Erleben, daß er gar nicht bis zu ihr vordringt. Wo er auf die Natur trifft, erfaßt er nicht sorgsam eine Reihe von Einzelzügen, um sie zum Bilde zusammenzusetzen, sondern er zeichnet nur in wenigen, starken Strichen, um gerade das hervorzuheben, was dem Vorgang in seinem Herzen entspricht. Ganz deutlich wird der Unterschied dieser beiden Verhaltensweisen, wenn man die Dichtung Heines mit der Goethes vergleicht. Die harmonische Weltverbundenheit Goethes kontrastiert seltsam zu dem Ueberschwang Heinescher Farbgebung. Wo bei Goethe die Natur in ihrer unantastbaren Eigenheit den Schauplatz für das Geschehen und für die Gemütsbewegungen des Dichters bildet, da deutet Heine gerade nur die stimmungsbildenden Elemente der Landschaft an und folgt im übrigen seinem lebhaften Gefühl und dem Fluge seiner Phantasie. In dem 38. Stück des „Lyrischen Intermezzo" und in Goethes „Willkommen und Abschied" findet sich eine ähnliche Situation: Nächtlicher Ritt im Walde, zur Geliebten, allerdings mit dem Unterschiede, daß Heine nur in der Phantasie zu ihr gelangt, während Goethe wirklich Erfüllung findet. (Vielleicht auch ein charakteristischer Unterschied der beiden Typen.) Während Goethe langsam aus der Situation heraus die verschiedenen Zustände entwickelt, begnügt Heine sich damit, nur wenige Züge der Landschaft anzugeben, rasch überfliegt seine Vorstellung die Wirklichkeit, er findet sich schon vor dem Hause der Geliebten, schwelgt in leuchtenden Bildern und läßt den Anfangspunkt völlig hinter sich. Selbst wo sich bei Heine entschiedenere Ansätze zur Landschaftsschilderung finden, wie etwa im 7. Stück der „Heimkehr" („Wir saßen am Fischerhause"), kommt er nicht ohne menschliches Gespräch und eine spaßhafte Abirrung nach Lappland aus, die wieder eine Reaktion auf die schwärmerische Gangesepisode bedeutet. Das Herz spricht zu lebhaft, um lange bei den Einzelheiten der Landschaft zu verweilen. Zuneigung und Abneigung sind immer rege und lassen kein Bild rein zur Entstehung kommen. So bleibt die Natur nicht Gegenstand, an dem sich das geklärte Gefühl darstellt, sondern sie wird zum Vorwand für die Expression des Gefühls.

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