KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 41 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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K. L.-Blätter 41 Ziel und Zweck der Gotteserkenntnis ist nicht wie in den orientalischen Religionen das Schicksal des Menschen, sondern seine Versittlichung. Ist diese Ethisierung besonders in der ägyptischen Religion gleichsam ein Nebenprodukt, so steht sie in der israelitisch-jüdischen Religion im Mittelpunkt. Die Mythologie wird von vornherein ferngehalten durch die scharf zugespitzte Formulierung, die ebenfalls wiederum in alter, ursprünglich anders gedachter Terminologie ausgeprägt wird, daß das Wesen Gottes unerkennbar ist. Der Erkenntnis zugänglich und Ausgabe der Erkenntnis sind die Wege Gottes, und diese Wege Gottes sind die Wege, die der Mensch gehen soll. So wird hier in ganz anderer Weise als in der schicksalhaft bedingten Mystik eine Uebereinstimmung zwischen Himmlischem und Irdischem hergestellt. Nicht um des Schicksals, sondern um des Sollens des Menschen willen wird die Gotteserkenntnis gefordert. Hatte die alte Volksanschauung wohl den Gedanken der EinheU Gottes, der allerdings vielfach nicht monotheistisch, sondern henotheistisch erfaßt wurde — d. h. daß Israel nur den einen Gott hat, daß aber die Götter anderer Völker ebenfalls reale göttliche Mächte sind — so bringt die in der Bibel vertretene Erkenntnis die Lehre von Gott als dem sittlichen Wesen, das eben um deswillen das Urbild für den Menschen ist. Damit erhält der Begriff der Heiligkeit, den alle Religionen kennen, im Judentum einen ganz andern Inhalt. Nicht nur die Unverletzlichkeit und nicht nur das Erschauern, das Numinose, sondern die höchste Vollkommenheit ist von dem Begriff Gottes unzertrennlich. Von hier aus bekommt die Einheit Gottes erst ihre Sicherung. Und wiederum wird diese Erkenntnis sofort zur Forderung an den Menschen. Ihm kommt nicht Heiligkeit zu, wohl aber das unablässige Streben danach. Während alles Heidentum seine Götter nach dem Ebenbild des Menschen gestaltet, ist nach biblischer Lehre der Mensch das Ebenbild Gottes. Den Sinn dieser Lehre gibt die biblische Parabel in dem Wort der Schlange wieder, daß die Erkenntnis von gut und böse, das sittliche Unterscheidungsvermögen den Menschen der Gottheit angleicht. Stellt die intuitive Gotteserkenntnis das Judentum neben die anderen Religionen des Orients, so weist die Erklärung, daß das Wesen Gottes dem Menschen ewig unerkennbar bleibt, in ganz anderer Art als sonst im Orient auf verstandesmäßige, wissenschaftliche Forschung. Die Art der Gotteserkenntnis, die den menschlichen Geist nicht an bestimmte Formulierungen über das doch ewig unerkennbare Wesen Gottes bindet, sondern ihm gleichzeitig seine Kleinheit und seine Größe zeigt, macht den Weg frei für alle verstandesmäßige sachliche geistige Arbeit. Diese religiöse Erkenntnis und die Methode, wie die Resultate wissenschaftlicher Forschung liegen gleichsam in zwei verschiedenen Ebenen. Ein wirklicher Gegensatz beider ist daher eigentlich nicht denkbar. Wo und wann er empfunden wird, trägt eine methodische irrige Auffassung der religiösen Erkenntnis die Schuld. Und diese irrige Auffassung resultiert meist aus der unrichtigen Anwendung der Terminologie, die