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KC-Blätter · 1931-05-01 · Heft 2 (Mai 1931) · p. Seite 40

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Journal
KC-Blätter
Volume
1931
Issue
Heft 2 (Mai 1931)
Date
1931-05-01
Page
Seite 40 (sequence 6)
Language
German
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40 K. C.-Blätter gewann. Von hier aus ist auch die Entstehung der Wissenschaft im Orient zu begreifen. Es galt, die Gesetze der Gottheit zu kennen und zu meistern, um das menschliche Schicksal bestimmen zu können. Durch alle diese Dinge ist die persönliche Beziehung des Individuums mit der Religion in weit stärkerem Maße gegeben als in Griechenland. 2m Orient sind, wie z. B. die Hamurabi-Stele zeigt, die Götter die Gesetzgeber, die dem König die Gesetze offenbaren. In Griechenland verweisen die Götter die Staaten, die neue Gesetze haben wollen, an weise Menschen. Im Orient göttliche Offenbarung, in Griechenland menschliche Weisheit. Zwei Momente sind noch besonders zu betonen. Die Erkenntnis zeigt sich in der Kenntnis und richtigen Anwendung des Namens. Name ist nicht Schall und Rauch, sondern birgt und verbürgt das wahre Wesen der Götter. Darum ist es von Wichtigkeit, unter den verschiedenen Namen eines Gottes den für die gerade vorliegende Gelegenheit zutreffenden zu erwähnen. Das zweite ist die Anschauung, daß das irdische Leben ein Abbild und Spiegelbild der himmlischen Vorgänge ist. Daher kann man bei rechter Erkenntnis und rechter Einstellung durch entsprechende Handlungen die gleichen Vorgänge im Himmel auslösen und deren Folgewirkungen auf Erden Hervorrufen. Daß von hier aus der Weg zu aller Mystik offen stand, bedarf keiner! Erörterung. Auch die jüdische Mystik in Kabbala und Chassidismus ist durch diese Vorstellung beeinflußt. Ein weiteres Moment von starker ethischer Wirkung kommt in der. ägyptischen Religion in der Auffassung der Gottheit als Totenrichter hinzu. Der Ausgangspunkt ist aber auch hier die Schicksalsfrage: was wird aus mir nach dem Tode? Die hieraus gewonnene Anschauung mußte auf die Ethisierung des Lebens hinwirken, wie überhaupt die orientalischen Götter auch sittliche Forderungen stellten und selbst sittliche Eigenschaften aufwiesen. Inmitten dieser orientalischen Religionen stand die Religion Israels, aufgebaut wie sie alle auf Gotteserkenntnis. Es bedarf nicht erst der Anführung der geradezu zahllosen Stellen in der Heiligen Schrift, die diese Erkenntnis fordern, den Mangel an Erkenntnis tadeln. Gotteserkenntnis ist das zentrale Problem der israelitisch-jüdischen Religion. Und diese Erkenntnis wird nicht verstandesmäßig auf dem Wege der Forschung, sondern intuitiv gewonnen. Für die große Masse bedeutete Gotteserkenntnis kaum etwas andres als bei den anderen orientalischen Völkern. Die große religiöse Revolution des Judentums, die am schärfsten in dem Kampfe der Propheten gegen die Volksmeinung, die, selbst soweit sie monotheistisch war, durchaus heidnisch genannt werden muß, zutage trat, hat hier vollständigen Wandel geschaffen. Ganz charakteristisch läßt Hosea das Volk sprechen: Wir, Israel, kennen dich ja. Dann man kannte den Namen und die Art der Verehrung und damit vermeintlich auch das Wesen Gottes. Es ist für diese wie für jede Revolution kennzeichnend, daß sie trotz grundsätzlichen Bruches an Vorhandenes anknüpft und die vorhandene Terminologie beibehält, während der Begriff, der die gleiche Terminologie deckt, ein anderer geworden ist.

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