KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 39 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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K.C.-Blätter 39 Grundverschieden ist Charakter und Stellung der Religion bei den Griechen und im alten Orient. In Griechenland ist die Religion eng verknüpft mit dem Staatswesen. Die Verehrung der Götter in der vorgeschriebenen Form ist Bürgerpflicht. Wer sie verweigert, vergeht sich gegen den Staat. Nur von dieser Seite her ist der Prozeß des Sokrates überhaupt zu verstehen. Denn die persönliche Ueberzeugung ist nicht eine Angelegenheit, die den Staat und seine Behörden in irgend einer Weise angeht. Wie die gesamte griechische Kultur Poliskultur ist, so ist. auch hier die Stellung zur Verehrung der Götter Angelegenheit des Stadtstaates. Mit der Erfüllung der äußeren Form ist die Pflicht des Bürgers erledigt. Wir finden die sehr interessante und sehr charakteristische Erscheinung, daß im Laufe der Zeit die griechische Religion immer mehr und mehr ausgehöhlt und seelenlos geworden ist, daß eine innere Beziehung der Menschen zur Religion, nicht mehr besteht, daß diese Religion mit ihrer Mythologie in steigendem Maße von den Menschen abgelehnt worden ist, so daß die seelische Verödung eintrat, die immer stärker den Menschen zu den Mysterienkulten trieb. An dieser Entwicklung hat die griechische Wissenschaft einen hervorragenden Anteil. Es ist das Kennzeichen griechischer Art, das Eduard Norden scharf herausgestellt hat, daß der Grieche mit seinem Verstände an die Pforten der Erkenntnis klopft. Sein Ziel ist intellektuelles Begreifen auf verstandesmäßigem Wege. Er jucht die Umwelt und sich selbst mit der Klarheit begrifflichen Denkens zu erkennen. Es ist kein Zufall, sondern schärfste Zuspitzung dieser geistigen Einstellung, daß der delphische Gott durch die Inschrift an seinem Tempel den Besucher mahnt: „Erkenne dich selbst k" Auf dem Weg« über Selbsterkenntnis und Erkenntnis der Umwelt kommt der Grieche zu Gott. Eine solche Mahnung des Gottes an die Seinen wäre im Orient nicht denkbar gewesen. Die ganz andere Struktur des Orients, die ganz anderen geographischen und politischen Bedingungen haben eine grundverschiedene Einstellung des Orients zu den Fragen der Religion herbeigeführt. Zum Unterschied von Griechenland hat der Orient mit wenigen Ausnahmen nicht Stadtstaaten, sondern große Reiche, nicht Republiken, sondern Monarchien. Wohl bestand auch hier für jeden Bewohner des Staates die Verpflichtung zur Innehaltung der staatlichen Götterverehrung. Aber so recht eigentlich war auch diese Sache des Königs. Zum Unterschied von Griechenland hatte der Orient Berufspriestertum oder Priesterkaste. Auch hier steht die Erkenntnis im Vordergrund. Aber diese Erkenntnis hat einen anderen Charakter. Nicht die Erkenntnis des eigenen Ich und der Umwelt, sondern die Erkenntnis Gottes erscheint als das Ziel, und diese Erkenntnis wird nicht durch verstandesmäßige Forschung, sondern durch inneres Erlebnis, durch seelische Schau gewonnen. Der einzelne, politisch ohne Rechte, ist nicht Bürger, sondern Untertan, seine aktive, persönliche Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten beschränkt sich lediglich auf die Religion. Die Gotteserkenntnis aber ist nicht Selbstzweck, sondern dient dazu, daß der Mensch auf sein in den Händen der Götter liegendes Schicksal Einfluß