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KC-Blätter · 1931-05-01 · Heft 2 (Mai 1931) · p. Seite 38

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Journal
KC-Blätter
Volume
1931
Issue
Heft 2 (Mai 1931)
Date
1931-05-01
Page
Seite 38 (sequence 4)
Language
German
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38 K. C.-Blätter In solchen Zeiten steht die Religion vor einer eigenartigen, ihr nicht günstigen Situation. Allerdings, die Verödung des seelischen Lebens, die eine unausweichliche Folgewirkung der Uebersteigerung und Aeberspitzuug des rein Verstandesmäßigen gewesen ist, wie wir sie etwa im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts hatten, besteht heute nicht in dem gleichen Maße. Die Gefahren kommen heute von der Enge der sogenannten „weltanschaulichen" Gebundenheit. Die Bedeutung seelischer Vorgänge wird allgemein anerkannt, das Verständnis dafür, daß nicht alles verstandesmäßig zu erfassen ist, daß es vielmehr nichtrationelle Elemente und Vorgänge gibt, ist allgemein geworden. Romantik, Mystik und Aberglaube sind unserm „sachlichen" Zeitalter nicht fremd. Inmitten einer aus ihrer geistigen Einstellung heraus ihm feindlichen Welt steht das Judentum. Es ist eine Gemeinschaft 8ui generis, aufgebaut und zusammengehalten durch seine religiösen Ideen, die wiederum vielen Angehörigen der Gemeinschaft nicht wirklich bekannt sind, in ihrer Grundlegung von ihnen nicht erkannt und daher mißverstanden werden. Auch das hat seine ganz natürlichen Ursachen. Unwillkürlich wird der Maßstab für Religion und Religiöses von der Religionsgemeinschaft der großen Mehrheit, also von dem Christentum hergenommen. Das ist selbst Mendelssohn so ergangen, der aus dieser Einstellung dazu gelangt ist, das Judentum nicht als geoffenbarte Religion, sondern als geofsenbartes Gesetz zu bezeichnen. Das zeigt sich ganz besonders in der Terminologie. Ganz allgemein ist auch in jüdischen Kreisen die Bezeichnung „Zehn Gebote" üblich, während die hebräische Ausdrucksweise im biblischen und rabbinischen Schrifttum stets nur von den „Zehn Worten" spricht. Die terminologische Verschiedenheit ist gedanklich weit tiefer greifend, als es die meisten vermuten. Es ist etwas Aehnliches, wenn z. B. die englisch sprechenden Juden für Thora allgemein das Wort Law setzen, ganz genau in Uebereinstimmung mit der im Christentum üblichen Terminologie. Es wäre nicht nur interessant, sondern auch sachlich wertvoll und förderlich, diese und andere terminologische Verschiedenheiten klarzustellen. Manche Mißverständnisse des Judentums würden dadurch geklärt werden. Denn so wenig Mendelssohns vorhin erwähnte Charakterisierung des Judentums zutreffend ist, so wenig läßt das Judentum sich etwa nur als Konfession begreifen. In dieser religiösen Gemeinschaft haben die Worte und Begriffe, die auch andere Religionen aufweisen, eben einen andern, eigenartigen Inhalt. Das zeigt sich vielleicht am stärksten bei dem Begriffe, den man gemeinhin als das Charakteristikum aller Religion ansieht, dem „Glauben". Der Bedeutungswandel dieses religiösen Begriffes aus dem biblischen „Vertrauen" zu dem christlichen Credo ist ein religionsgeschichtlich und geistesgeschichtlich ganz besonders interessanter und lehrreicher Vorgang. Aber auch für das Verständnis dieses Vorgangs erscheint die Erörterung eines andern Problems, das an sich grundlegend ist, notwendig, nämlich des Begriffes der Gotteserkenntnis.

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