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KC-Blätter · 1929-09-01 · Heft 3 (September 1929) · p. Seite 59

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 3 (September 1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 59 (sequence 27)
Language
German
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59 monie zwischen, den Kulturen. Wir wissen, daß dies etwas Großes, Hehres ist, wir fühlen es an uns, und lernen es aus den Beispielen der Geschichte. Als Rom das überwundene Griechenland zu seinen Füßen sah, geschah das Wunder, das in Wirklichkeit eine Tat lebenswahren Kulturwillens war, die glückhafte Paarung römischer Kraft mit griechischem Edelsinn, von der Horaz die schönen Worte sprach: „Graecia capta ferum victorem cepit et artes Intulit agresti Latio . . .“ So richtet sich selbst die verständnislose Ablehnung jener, die aus der Verbindung des deutschen mit dem jüdischen Wesen das Gute nicht zu erkennen vermögen oder gar etwas Arges darin zu findetr vermeinen. Im Gegenteil, wir dürfen stolz sein auf unser Schicksal, das uns die Bestimmung wies, Mittler zwischen den Kulturen zu sein. Wir nehmen diese Aufgabe'dankbar auf und wissen, daß ihre Erfüllung ein Dienst am Menschheitsideal ist. So wendet sich der Ahasverus-Komplex ins Positive. Der Ewige Jude fahrt nicht unstet durch die Lande,- er schlagt Wurzel und Samen und zeugt die wirkliche Kultur, die die Menschheit zu ihren erhabensten Zwecken leitet. Mendelssohn -Meralirr der Gegenwart. Wir brauchen nicht zu befürchten, daß Moses Mendelssohn „modern" wird. Mag auch die Literatur, die um ihn geschrieben ist, zurzeit ein wenig aktueller werden, so rückt er doch noch nicht in den Scheinwerfer jener sehr problematischen Volksgunst, wie z. B. Rabindranath Tagore, Graf Keyserling, Einstein einmal spürten, um bald genug davon enttäuscht zu werden. Mit Genugtuung laßt sich feststellen, daß Mendelssohns Geburtstag nicht jene geistigen Salonlöwen, die auf den Parketts sämtlicher intellektueller Geschmacksrichtungen Herumwalzen, auf den Plan gerufen hat.. Erfreulicherweise sind die wirklichen Bekenner Mendelssohns und die Sucher seiner wahren Seele unter sich geblieben. Es läßt sich darum mit Ruhe und ohne Mißtrauen betrachten, was an Neuerscheinungen anläßlich des 200. Geburtstages herausgekommen ist. Da ist zunächst zu erwähnen das biographische Werk von Bertha Badt-Strauß („Moses Mendelssohn", Welt-Verlag 1929). Aus Briefen und Gesprächen, deren Partner Lessing, Nicolai. Herz Homberg, Abbt u. a. sind, formt die Verfasserin das Zeugnis des Mendelssohnschen Lebens, unterstrichen durch biograpische Einzelheiten, die sie in großer Vielzahl bringt. Die 'Grundmusik des Mendelssohnschen Lebens sind zwei große Kämpfe,- Tragödien fast: Der Kampf gegen Lavater um das Judentum, und der Kampf gegen Jacobi um das Bild hes verblichenen Freundes Lessing. Eine tiefere, gewichtige Scheidung birgt sich hinter diesen Kämpfen: Hie Religion der Vernunft — hie Gefühlsreligion! Zweifellos ist das Kämpfmotiv aus Mendelssohns Leben deutlich zu erspüren — er wäre sonst nicht Philosoph zu nennen. — Besonders scharf prägt es sich aus, wenn er, wie z. B. in einem Brief an Abbt auf die Bestimmung des Menschen zu sprechen kommt. Es heißt da: „.... der ungebildete Mensch empfindet die Kraft aller Triebfedern, ohne sie in Worte ausdrücken zu können. Der Ausgebildete vernünftelt darüber, und ist desto glückseliger, je genauer sein freier Wille mit der wahren Bestimmung seiner Naturtriebe, mit den Absichten Gottes übereinstimmt." Uneingestanden, aber unverkennbar sieht Mendelssohn in diesem Zusammenhang der menschlichen Triebe mit den gewiß nicht - zutageliegenden Absichten Gottes die ganze Schwere der menschlichen Aufgabe, das stete Ringen des Menschen mit seinen höheren Zwecken, die Tragik, Gottes Ebenbild zu werden als ein schwacher Mensch. In einer Edition des Philo-Verlages erzählt Jakob Seifensieder das „Märchen von Mendelssohns Leben". Er zeigt in gedrängter, aber ansprechender Form, den Einfluß, den das Deutschtum auf Mendelssohn und Mendelssohn auf das deutsche Judentum gewirkt hat. Mehr vom Philosophischen her erfaßt Lewkowitz in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" (Heft 7/8) Mendelssohns Erscheinung. Die Erziehung zur Vernunftwahrheit, die innere Heiligung des Lebens ist der tiefe Sinn der jüdischen Religion, wie ihn Mendelssohn gegen den Pantheisten Spinoza verteidigt. Seine Auseinandersetzungen mit Locke und Spinoza, sein religiöser Konservativismus, die eigenartige Verquickung von Glaubensstärke und philosophischer Bestrebtheit wird in diesem wohldurchdachten Aussatz nahegebracht. Das „Gedenkbuch für Mendelssohn", das der Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland im Verlage Poppelauer herausbringt, ist ein Kleinod erlesener Art. Aus der Feder der besten Kenner, wie Prof. Elbogen, Rabbiner Bergmann-Berlin, Rabbiner Freudenthal-Nürnberg, Pros. Muncher-München u. a. -erwächst ein ausgezeichnetes Bild Mendelssohns, gesehen aus der Perspektive seines Eindruckes, lieber seinen Einfluß auf die Philosophie der Aufklärung, auf die deutsche Literatur, auf das politische Zeitgeschehen, seine Bedeutung für die Kulturgeschichte, für die heutige deutsche Judenheit wird in vorzüglicher Weise gehandelt. R. H.

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