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KC-Blätter · 1929-09-01 · Heft 3 (September 1929) · p. Seite 58

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 3 (September 1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 58 (sequence 26)
Language
German
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68 Jenes besagte Verlangen nach Harmonie, als vitalste Lebensäußerung Bestandteil des Kulturbegriffs, spielt im gesamten Menschenleben dank seiner natürlichen Stigmatisierung eine hochbedeutsame Rolle. Es ist vielleicht der Schlüssel zu jedem Lebensproblem, vielleicht zum Problem des Lebens an sich. Die Psychiater vertreten die Lehre, daß der Selbstmörder nur darum zu seiner Tat fähig werde, weil der Lebenstrieb aufgehoben sei durch den Verlust des gemütlichen Gleichgewichts. Gleichgewicht ist die Herstellung der statischen Harmonie. Ueberträgt man es auf das Gebiet des Seelischen, so bedeutetes: Lebensgefühl ist die Erfühlung der Harmonie mit den Wesen und Umständen der Mitwelt. Wer könnte die elementare Bedeutung des Harmoniegefühls besser verstehen als wir deutsche Juden, die wir die gewaltige Erfüllung der Assimilation vollziehen. Ist sie doch, nach den Worten des unvergeßlichen Jakob Loewenberg, die seelische Kraft, die aus zwei Quellen strömt, und die deutschen Kulturströmungen mit den jüdischen harmonisch bindet. Der Jude, der eine uralte Kulturgestaltung mitbrachte — Kulturgestaltung als wechselnde Erscheinungsform des in sich gleichbleibenden Kulturbegriffs — und mit dieser edlen Gabe gerüstet unter die verschiedenartigsten Völker trat, hat so vom Schicksal die Aufgabe mitbekommen zwischen den verschiedenartigsten Kulturgestaltungen zu Mitteln, und sie in Harmonie einander nahezubringen. Das wiederum erscheint als eine Kulturtat hohen Grades. Getreu den eigenen Intentionen des allgemeinen Kulturwillens Harmonie zu schassen zwischen den einzelnen Gestaltungen dieses Willens, eine herrliche Aufgabe,- auch sie, geboren aus mancher Tragik, im letzten Ende eine Auserwählung. Suchen wir nach namhaften Beispielen, wie Juden diese Schicksalsausgabe zu meistern verstanden, so drängt sich vor allem ein Name auf die Lippen: Moses Mendelssohn. Mendelssohn war Jude, erfüllt von aller Seelen- . stärke, die diese Religion zu geben vermag, er war im Tiefften bewußt seiner Bindung an diese Lehre, er ließ sie nicht, auch als er mit den Ilrproblemen der Menschheit rang. Und er war zugleich ein lichtvoller Künder der deutschen Kultur. Wenn wir Kultur als Lebensäußerung erkannten, dann erweist sie sich am stärksten auf dem Gebiet, das dem Menschen die unmittelbarste Beziehung mit dem Leben schafft, in der Sprache. Mendelssohn, der unbeirrte Jude, hat den lang verschütteten Born der deutschen Sprache inmitten der deutschen Judenheit hell ausquellen lassen. Er schuf mit dieser Tat im eigentlichen Sinne erst die deutsche Judenheit, und zwar, indem er ihr in deutscher Sprache das jüdischste Buch der Welt nahebrachte, das Alte Testament. Mendelssohn, der Streiter für die Seele des Judentums, fühlte und wirkte in deutscher Sprache, und es ist mehr als ein Symbol, daß er so das jüdische Kulturgefühl dem deutschen innig vermählte. Er wurde damit der Vater der geistigen Emanzipation, er bereitete der Judenheit die Lebensmöglichkeit durch die Harmonie der beiderseitigen Kulturen. Er verstand es, weitergreifend über die alleinigen Bedürfnisse des Nationalgefühls, in andere, fernere Kulturen zu dringen. Die edle Weisheit des griechischen Denkers Plato beftuchtete sein eigenes Denken. Auch Plato war ein gläubiger Philosoph, Mendelssohn begriff und erfühlte seine Seele. Ein wundervolles Zeugnis gibt hiervon die Mendelssohnsche Bearbeitung des „Phaedon". Im Wesentlichen der Platonischen folgend, gibt sie dem Sokrates die Wendung ins Optimistische, ins heiter Kontemplative. Das Großartige aber ist die Sprachsymphonie der Bearbeitung mit dem Original. Wer Mendelssohns „Phaedon" liest und je einen Hauch humanistischer Bildungsart empfing, begreift, daß hier ein getreuer Bildner der griechischen Seele am Werke ist. Mendelssohns Nachkommen, äußerlich zwar dem Kreise der Judenheit sich entwindend, und doch, gewollt oder nicht, Juden bleibend im Wesen und Wirken, haben das Beispiel des Ahnherrn vielfach erneuert. Felix Mendelssohn-Bartholdy wurde Schöpfer wundervollen deutschen Musikerlebens; der Historiker gleichen Namens drang tief in das Verständnis deutscher Entwicklung ein; in Hamburg wirkt aus dem Lehrstuhl der juristischen Fakultät Professor Mendelssohn- Bartholdy, Kenner und Künder deutschen Rechts. Darf man in solchem Zusammenhang einen anderen Namen vergessen: Heinrich Heine?! Wie viele singen aus feuchtfröhlicher Rheinsahrt programmäßig beim Erscheinen des Loreleyfelsens das Lied, das mit den Worten beginnt: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", und wissen vielleicht nicht immer, daß ein Jude sein Dichter war. Dieses Lied, das sich ins Herz des deutschen Volkes sang, ist zum köstlichen Besitztum des deutschen Kulturlebens geworden. Aus deutscher Landschaft, deutschem Sentiment erblühten dem jüdischen Dichter seine schimmerndsten Verse. Wir deutschen Juden wissen, daß Mendelssohn, Heine, die anderen Prominenten der verschiedenartigsten Lebensgebiete — Offenbach, Meyerbeer, die Juristen Levin Goldschmidt, Staub — daß alle sie nur Exponenten der gleichen Erscheinung sind, die sich tausendfach in der Masse des bürgerlichen Seins vollzieht. Im prosaischen Alltag geschieht unbemerkt, nur in stillen Gedenkstunden erlauscht, die kulturelle Leistung der Har-

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