KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 3 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 60 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Mendelssohn - Ferer -re Soneino-Gesellschaft. , Die „Soncino - Gesellschast der Freunde des jüdischen Buches" beging den200.GeburtstagMosesMendelssohns mit einer Veranstaltung, die sich durch gewiffe Originalität auszeichnete und die uns veranlaßt hier zu berichten, weil sie in der Presie wenig Beachtung fand. Es galt, Mendelssohn, den Denker und Wegbereiter, mit scharfen Strichen zu skizzieren. Wir, die wir deutsche Juden sind, in deutscher Sprache denken und fühlen, haben unsere geistige Emanzipation zum guten Teil dem jüdischen Philosophen zu danken, der als erster unter den Juden es verstand, die deutsche Sprache nicht nur zu gebrauchen, sondern souverän zu meistern, uötf die deutsche Dialektik gefügig zu machen für Explikationen, die im tiefsten Grunde aus jüdischer Denkart entsprangen. Wohl gab es vorMendelssohn einige wenige Juden, die, dem Zorn der Rabbinen zum Trotz, der deutschen Sprache mächtig waren, aber die erhabenste Feinheit und den anmutigsten Wohllaut der deutschen Sprache erschloß erst Mendelssohn der Judenheit. So begründete Prof. Loewe die Pflicht jedes geistigen Juden, des Mendelssohn-Tages sich zu erinnern, und erteilte dann das Wort an Fritz Bamberger, der über die Schicksale Mendelssohnscher Druckschriften plauderte. Er erklärte die bekannte Anekdote über die heimlich von Lessing veranlaßte Drucklegung der „Philosophischen Gespräche" für legendär. Er wies auf Widersprüche hin, die es unwahrscheinlich machen, daß wirklich Mendelssohn von Lessing bestimmt worden war, „auch so etwas zu schreiben wie Shaftesburry". Schon die Beziehungslosigkeit der „Philosophischen Gespräche" zu Shaftesburry lasse diese Entstehungsart zweifelhaft erscheinen. Außerdem erzählte N i c o l a i die gleiche Anekdote in Beziehung auf die „Empfindungen". Weniger legendär, dafür um so mystischer ist die Edition der Mendelssohnschen Schrift „Aeber die Ankörperlichkeit der Seele". Sie ist herausgebracht in Wien von einem gewissen I. G., hinter dem sich Jacob Grossinger verbirgt, einem literarischen Abenteurer. Man weiß, daß Mendelssohn seine Arbeit an den Grafen von Schaumburg-Lippe gesandt hat. Dort ist eine Abschrift gefertigt worden und an Grossinger gelangt — auf welche Weise, ist bis heute ein Räisel. Aeber Mendelssohn-Porträts und-Abbildungen sprach Lerr Schwarz. Im Philosophischen Almanach von 1791, also fünf Jahre nach Mendelssohns Tod, erschien das einzige Bild, das Mendelssohn in ganzer Gestalt zeigt. Er ist klein, unansehnlich, verwachsen, steht, — aus dem Wege zur Audienz beim König, — zwischen zwei Grenadieren, deren wuchtige Körperlichkeit seine Erscheinung um so winziger macht. And doch weist gerade dieses Bild in Wahrheit den Triumvh der Mendelssohnschen Erscheinung über die kriegerische Strammheit der Nachbarn, denn das Laupt, das auf dem mißbildeten Körper sitzt, ist von faszinierender Würde, durchleuchtet von erhabenster innerer Größe, das Auge blitzt mit kühnem Forscherblick, das Mienenspiel zeigt höchste Weisheit und edelste Bescheidenheit. Bon gemalten Porträts sind hervorzuheben die Schöpfungen von Grass und Frisch. Graffs Bild arbeitet das intellektuelle Moment an Mendelssohns Erscheinung nicht in voller Gründlichkeit heraus. Am so deutlicher springt die geistige Kämpfernatur Mendelssohns auf Frischs vorzüglichem Bilde hervor. Auch hier zeigt der Mendelssohnkopf neben scharf intellektueller Prägung die sanfte Linie vornehmer Bescheidenheit. Jacob Abraham hat eine Serie von Medaillen geschaffen, die er mit der Mendelssohnschen Plakette eröffnete. Er zeigt ihn in einer gelungenen Profilstellung. Die beste Nachbildung des Mendelssohnkopfes stammt von dem Bildhauer Lassak, der Mendelssohn in gräcisierter Form wiedergibt. Es ist ein Bild von überzeugender Eindringlichkeit, ein gemeisseltes Symbol von Mendelssohns geistiger Persönlichkeit. Rammler hat hierzu eine Inschrift verfaßt, die Mendelssohn preist als einen zweiten Sokrates, der, den Gesetzen der Väter getreu, Ansterblichkeit lehrte, Ansterblichkeit erntete. Ein öffentliches Denkmal ist erst zu seinem 100. Geburtstag in seiner. Vaterstadt Dessau aufgestellt worden Man hat ihn auch am Sockel des Berliner Denkmals Friedrich des Großen unterbringen wollen, aber obrigkeitlicher Widerspruch vereitelte diesen Plan. Die Graphologin Goldberg sprach über Charakteristika aus Mendelssohns Landschrist. Sie wies einleitend darauf hin, daß die Anfänge der graphologischen Wissenschaft bis auf Lavater zurückreichen und der es bekanntlich für Mendelssohns höhere Persönlichkeitsbildung unerläßlich fand, daß Mendelssohn die Taufe nähme. Die Vortragende erläuterte einige Besonderheiten der Mendelssohnschen Landschrift, in denen sich, wie sie memte, starke Ausprägungen jüdischer Psyche fänden. Als nächster Redner verbreitete sich Lerr Dorn über „Illustrationen Mendelssohnscher Erstausgaben", und den Beschluß machte der rührige und sehr versierte Geschäftsführer der Soneinogesellschaft, Lerrmann Meyer, mit amüsanten Ausführungen über „Kuriositäten der Mendelssohnliteratur". So erfuhr man, daß im Frankfurter Musenalmanach 1780 eine Liste „zeitgenössischer Dichter und Schöngeister" erschienen war, in der sich auch die lapidare Aufzeichnung fand: „Mendelssohn, Moses, Direktor einer Seidenfabrike, geboren Dessau — 1726(!)". Ein beredtes Zeugnis, wie sehr Mendelssohns Tod die deutsche Geisteswelt und alle ihre mehr oder weniger berufenen Sachwalter aufgewühlt hat, sind die verschiedenartigsten Nekrologe, die oft von ungewollter Komik durchtränkt sind. Im Almanach des Jahres 1786 wird, in ein und denselben Nachruf, zwei verblichenen Zeitgenossen der Scheidegruß geblasen — nämlich Mendelssohn und dem Lusarengeneral Ziethen. And man erwärme sein Gemüt an dem pietätvollen Weihrauch, der über Mendelssohn ausgeschüttet wird: „Lingefallen in das allgemeine Grab der Verwesung nun auch diese zerbrechliche Menschenhülle!" Zu einem weniger enthusiastischen, dafür mehr skeptischen Nachruf versteht sich der Ketzeralmanach 1786: „Mendelssohn, ein Jude und ein Kaufmann, zugleich ein Lieferant beim theologischen Freikorps (!) — o du liebe Philosophie, in welchen Kopf bist du nicht schon hineingekrochen, von dem man es am allerwenigsten erwartet hätte!" Immerhin sind derartige Verstiegenheiten noch wesenlos gegenüber einer anonymen Schrift, die Mendelssohns Andenken ehren will, indem sie tiefgründige Antersuchungen anstellt über - Mendelssohns Bart. Der Verfasser, der sein „Werk" scheinbar ernst meinte, hält den Bart ganz allgemein für eine Demonstration des Innenlebens, ähnlich wie man die Augen als Fenster der Seele bezeichnet. Därum könne er zuweilen auch schicksalbildend wirken. „Lätte Judith", so argumentiert der Anonymus, „einen Bart gehabt, der ihren Geist angedeutet hätte, so hätte Lolofernes sich nicht von ihr betören lassen." (Lier gibt ihm der aufmerksame Lörer recht, fängt aber an, leise zu zweifeln, ob dementsprechend wohl der Verfasser selber einen Bart gehabt haben könne?) Mendelssohns Bart sei weich gewesen, wie sein Lerz, und es sei, im Ganzen gesehen, unverständlich, daß man mit einem so hochachtbarenBarte habeIudebleibenkönnen. Ergötzlich, waren auch die weiteren Berichte des Vortragenden, daß man in einem Kalender „berühmter und berüchtigter Zeitgenossen" auch Mendelssohn gebracht hätte, ohne ihn leider einer der beiden Kategorien ausdrücklich zuzuweisen, daß man in einem Buch „Biographien für die Jugend" den großen Abenteurer Trenk mit Mendelssohn zusammen abhandelte usw. Der Soneino-Gesellschaft gebührt Dank für diesen eigenartigen, anregenden und belehrenden Gedenkabend. R. L. Verantwortlicher Redakteur: Ur. Hermann Berlak. Berlin. — Verlag: Philo-Verlag, Berlin SS 68. LtnLenstratze 13. Druck: D. Feilchenfeld. Berlin SW 68.