Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1929-09-01 · Heft 3 (September 1929) · p. Seite 57

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 3 (September 1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 57 (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2268830-2268968-2268971--3487-3523889
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Der Jude als Mittler zwischen den Kulturen Von Referendar Rudolf H. Heimansohn (Sprev.) Der Begriff der Kultur hat in gegenwärtiger Zeit genau das gleiche Schicksal erfahren, wie so viele andere Begriffe, die die Menschheit durch die Jahrtausende begleitet haben. Hier verachtet, dort glorifiziert, hier als das Lebenselixier gepriesen, dort gründlicher Umgestaltung bedürftig gefunden, von manchen sogar als schädlich und raschester Ueberwindung wert empfunden, ist sie sicherlich von den meisten, die um ihr Wesen streiten, nur wenig erkannt und verstanden worden. So mancher, der sich sonst keineswegs von Vorurteilen lenken läßt, hat gerade in heutiger Zeit bei Betrachtung der geschehenen Entwicklungen sich die Kritik erleichtert und gemeint, die brüchig gewordene Kultur sei es, die das Unheil der vergangenen Jahrzehnte herausbeschworen habe. Die beliebt gewordenen Fatalismen, wie „Untergang des Abendlandes", diL steigende Aktualität des orientalischen Kulturproblems, scheinen anzudeuten, daß auf der Drehbühne des Lebens die Erscheinung, die sich westliche Kultur nennt, langsam abgleitet und einem neuen Lebensstil Raum gibt, der annoch unbekannt und irgendwie mystisch wesenlos ist. Vielleicht ist auch jene Bewegung, die zum „Pan-Europa" hin tendiert, im gewissen Sinne von dem Drang beeinflußt, die bedrohte Kultur des Abendlandes vor dem Hereinbrechen fremder Daseinsformungen zu bewahren. Es würde sich daraus die Unhaltbarkeit der These erweisen, daß die Kultur, als Begriff genommen, vom Leben des Volkes hinweggedacht werden könne, ohne ihm zu schaden. Instinktiv empfindet die Menschheit, daß die Grundlage einer Existenz als geordnete Nation eine Frage der Kultur ist, daß das Mark- und Kernproblem des Staatsbegriffs eine Aeußerung des Kulturwillens darstellt. Darum wirkt die Verwirrung unheilvoll, der sich viele schuldig machen, indem sie irgend eine Kulturgebarung als schädlich erkannt haben und nun die Kultur als Begriff dafür verantwortlich machen. Kultur führt zu Verlogenheit und Unnatur? Also ist „die Kultur" verwerflich! — Aus Streichhölzern kann eine Feuersbrunst entstehen — wird nun das Lichtanzünden schlechthin verdammt werden? Natürlich nicht, man wird bemüht sein, es so vorzunehmen, daß keine Feuersbrunst dadurch entfacht wird. Gerade so muß man mit dem Begriff der Kultur verfahren. Man überlege doch erst, ob denn Unnatur und Lügenhaftigkeit wirklich die eigentliche Begriffssubstanz bilden, oder ob sie nicht unerwünschte Folgeerscheinungen sind, die in der Anwendungsart wurzeln, nicht im Begrifflichen. Kultur als Begriff ist im Gegenteil Offenbarung der Lebenswahrheit, weil sie die Entwicklung jenes natürlichen Prinzips ist, das die Lebensmöglichkeiten erschließt. Das, was wir oft als ihren Widerpart genannt finden, nämlich die Natur, liefertunserm Leben die grundmäßigen, stofflichen Gegebenheiten. Sie zu formen, zu veredeln, zu schleifen, zu glätten und nutzbar zu machen einem allgemeinen befriedigenden Gebrauch, heischt des Menschen eigener Sinn und Wille. Ist die Schöpfung eines Beethoven, eines Chopin, eines Michelangelo nicht Ausdruck eines gepflegten, geadelten Lebensgefühls — Natur und Kultur in eine einzige Form gebannt? Empfinden wir denn etwa nicht die Anmut einer geschliffenen Form, die beruhigende Würde eines gemessenen Gebarens, ist ein Gefühl, wie z. B. Takt und Zurückhaltungsempfinden, nicht ebenso Aeußerung der innersten Natur wie einer mit ihr Hand in Hand arbeitenden Kultur? Rudolf Eisler in seiner „Allgemeinen Kulturgeschichte" sagt über den Kulturbegrisf: „Der Wille zur Vervollkommnung ist die Urbedingung aller Kultur. Diese Vervollkommnung besteht in der Ausbildung menschlicher Anlagen und Kräfte. Die Natur, die der Mensch formt, ist der Inbegriff alles Vorgefundenen, nicht bloß die körperliche Natur, sondern auch die innere, d. h. die Summe der Triebe und Anlagen im menschlichen Wesen selbst. Die Idee des vollkommenen menschlichen Wesens ist aber keine andere als die harmonische Ausbildung aller seiner Fähigkeiten." Ein Wesensmoment hebt sich hervor: Die Harmonie. Die Vervollkommnung und Veredlung, die die Kultur bestrebt, bedeutet das ausgleichende Arbeiten mit den gegensätzlichen Faktoren, ihre zielklare Zusammenfassung, und die Verständigung aller am gleichen Werk Schaffenden. Denn — auch das wieder ist natürliches Prinzip —, niemals kann von einer Seite her ein Werk gefördert werden, an jedem Fortschritt schaffen mit Erfolg nur die vereinten Köpfe und Hände. In der Verdammung von Einseitigkeit und Eigenbrödelei liegt das Bewußtsein des Sozialwidrigen und der Unkultur. Lebte der Mensch aus einsamer Insel, jeder für sich in abgeschlossener Unberührtheit, dann brauchte er keine Gerechtigkeit, keine Moral, keine Friedfertigkeit, keine Nächstenliebe, brauchte nicht jene elementar empfundenen Hochgefühle der Menschheit, die wir Kulturgefühle nennen. Aber das Natursystem hat es gerade umgekehrt geschaffen und hat den Menschen in ein kollektives Dasein gestellt — darum fordert es die Betätigung des Kulturempfindens.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.