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KC-Blätter · 1929-09-01 · Heft 3 (September 1929) · p. Seite 55

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 3 (September 1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 55 (sequence 23)
Language
German
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55 ©dfjon im 17. Jahrhundert promovieren Juden zum Or. med., fast alle in Padua. Das Germanische Museum in Nürnberg bewahrt das prächtig kolorierte Doktordiplom eines Juden. Es gibt Familien, die Generationen hindurch über die Alpen ziehen, um sich den Paduaner Doktorhut zu holen (Lima in Posen, Helen und Bing in Frankfurt, Calahorra in Krakau). Das 2mmatrikularisationsregister, das^Ibum studiosorurn der Universität Leyden zeigt fast in jedem Jahr Studenten, deren Namen das Wort Iudaeus beigefügt ist. Sie kommen aus aller Welt in die Niederlande, aus Marokko, der Türkei, der Krim, eine stattliche Zahl Deutscher, meist aus der Rheingegend, ist darunter. Fast alle diese Eintragungen sind ungenau, die Namen latinisiert, und so ist nicht genau festzustellen, wann die ersten Juden auf Deutschlands hohen Schulen erscheinen. An der kurpfälzischen Universität zu Heidelberg, an der preußischen zu Duisburg sind sie vereinzelt während des ganzen 18. Jahrhunderts anzutreffen, auch in Halle und Göttingen haben Juden studiert. Es wird ihnen schwer genug gemacht. Dem 2oj Simon Adolphus, einem englischen Juden deutscher Abstammung, gestattet Friedrich Wilhelm l. zwar die Promotion, aber unter der Bedingung, daß er sich nie in Preußen niederlasse. Friedrich der Große, der von Adolphus behandelt worden sein soll, hebt diese Bestimmung wieder auf, und so praktiziert der Jude acht Jahre lang in Cleve, dann geht er nach London zurück. Am Niederrhein wird er als Akademiker von den Juden hochgeachtet, auch daß er einen französischen Roman (Les diables modernes) geschrieben hat, wird ihm nicht als Abtrünnigkeit angerechnet, wie das im Osten des Reichs geschehen wäre, Adolphus ist lange Jahre Landesvorsteher der clevischen Judenschaft. Einem anderen jüdischen Arzt aus alter Clever Familie, dem Dr. Gumpertz, ergeht es schlechter. Als er einen Soldaten nicht von der Schwindsucht heilen kann, bekommt er mit dem Oberst Differenzen, muß die Heimat verlassen, wandert nach Polen aus und wird Christ. Unter den niederrheinischen Juden, die es vielfach zu Wohlstand gebracht haben, nie ein Ghetto kannten, stets Familiennamen führten, sind Akademiker häufiger als sonstwo. Aus der gleichen Zeit werden noch ein Dr. Neumann, ein Dr. Emden genannt, Dr. Meyer Calman Cohen studiert in Leyden und Göttingen, die Leydener Liste führt noch viele. In der Universitätsstadt Duisburg gab es immer jüdische Medizinstudenten, doch nur eine einzige jüdische Familie. Anno 1780 will der achtzigjährige Moses David, der als „Extraordinarius", wie der Fachausdruck lautet, in der Stadt wohnt, seinen Sohn in die Heimat zurückkehren lassen. Der Magistrat unterstützt das Gesuch, weil der Vater bei seinem Alter die Unterstützung des Sohnes nicht entbehren könne, weil er der einzige Jude in der Stadt sei, der sich aufhalten dürfe, es aber der Universität wegen gut sei, daß eine „Nahrung treibende" Judenfamilie beibehalten werde, bei welcher die studierende Judenjugend Unterkommen und gespeist werden könne. Gegen eine Gebühr von 30 Talern, bei Abnahme von Porzellan im Wert von 300 Talern aus der Königlichen Porzellanmanufaktur, wird dem Gesuch zwei Jahre später stattgegeben. Hin und wieder kann überhaupt ein gewisses Entgegenkommen den jüdischen Studenten gegenüber festgestellt werden. Der Heidelberger Senat beschließt 1736 zweimal, durch Anschlag und in den Kollegien die Schmähung und Mißhandlung der Juden bei Strafe der Relegation zu verbieten. Daß ein solches Verbot notwendig war, wirft ein trübes Licht auf das Studentenleben der jungen Juden, von dem wir sonst nichts wissen. Im Jahre darauf gestattet der Kurfürst von der Pfalz zwei jüdischen Studiosen der Medizin, gleich den anderen Studenten Degen zu tragen, wohl mehr zur Zier, um sie auch äußerlich gleichzustellen, denn zu ihrer Verteidigung. Alle diese Studenten sind Sprößlinge jüdischer Patrizierfamilien, Söhne der Hofagenten, wie sie zahlreich überall wohnen. Da ist zum Beispiel unter den Vätern Isaak Löw Bc er zu Frankfurt, nicht einmal einer der bedeutendsten, der nennt sich auf seiner auf unsere Tage gekommenen Visitenkarte: Herzoglich Psalz-Zweibrückenscher, Herzoglich Sachsen-Coburg-Saalfeldischer, Hochfürstlich Hessischer, Fürstlich Wied-Runkelscher, Reichsburggräflich Hachenburgischer Hof- und Kammeragent. Ein Mann also, der für ein halbes Dutzend der allerwinzigsten Potentaten den Bankier spielt, Anleihen vermittelt, schwierige Einkäufe macht. Die Kammerjuden des Kurfürsten von der Pfalz, die von Geldern in Düsseldorf, haben drei Generationen hindurch Mediziner in der Familie, Heinrich Heine ist nicht der erste Akademiker in diesem Hause, sein Onkel. Josef von Geldern, der Großvater Gottschalk von Geldern und der Großonkel Moses Emanuel sind berühmte Aerzte. 1739 geht Moses nach Heidelberg, er promoviert in Duisburg. Zehn Jahre darauf holt sich Gottschalk von Geldern den Duisburger Doktorhut, die Doktorarbeit ist erhalten und Heine ist voll Stolz auf den Großvater, den der Kurfürst oft konsultierte. Als er früh starb, folgte ihm sein

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