KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 3 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 54 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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war. Es liegt nur fünf Generationen zurück und ist uns so fremd, so verschlossen, wie das Mittelalter. Die Welt außerhalb der Ghettomauern bringt eine Literatur hervor, fruchtbarer als je eine andere Periode, die Memoiren reihen sich endlos aneinander. Vom Juden kein Wort. Doch auch in die christlichen Bürgerkreise fällt durch alle diese Schriften kein Licht. Es geht stets, nur um das Leben des Adels, der Höfe, und die entstehenden Bilder sind stets dre gleichen, tausendfach gemalt. Das Leben ist darauf sorgenlos und schön für einen Mann von Stand mit Geld. Musik, Gesang, Theater stehen in Blüte, Dichter aller Sprachen gibt es wie Sand am Meer, doch es ist niemand von Bedeutung darunter. Die Welt ist ein Paradies für den, der Zutritt hat und ihn bezahlen kann. Aber auch nur für ihn. Bürgertum und Volk haben keinen Teil daran. Die Massen leben im Elend, in strohgedeckten, verschmutzten Hütten, in verwitterten, verkommenen Mietskasernen, zurlumpt, hungernd, verbittert, murrend. Das Bürgertum ist verdummt, verspießert, es wird von niemand, nicht im Guten, nicht im Bösen, beachtet, es zählt nicht mit. Bürgerliche Dichter gewinnen zwar Ruhm und Achtung, aber sie helfen ihrer Klasse nicht, sie gehen an den Hof, in die Kreise der Gesellschaft. Und dann sind da die Juden. Sie leben in den Städten, eingepfercht in enge Gassen, die am Abend durch , hohe Tore fest verschlossen werden, in übervölkerten, dumpfen Häusern. Oder in den Dörfern, den leibeigenen Bauern gleich. Sie tragen nicht mehr den Iudenfleck, aber die Vorschrift, ihn zu tragen, ist nicht aufgehoben. Sie wagen es nicht, sich ä la mode zu kleiden, sie sind verachtet, demütig, scheu. Jahrhunderte der Oual sitzen in ihren Gliedern, sie wagen kein lautes Wort. An der Grenze eines jeden der zahllosen Duodezstaaten müssen sie sich gleich dem Vieh verzollen. So geschieht es Moses Mendelssohn am Rosenthaler Tor zu Berlin. Zettel haben sich erhalten, wie dieser: „Jud Simon Leyser, Doctor und Rabbiner, verzollt seinen Leib. Hochfürstlich Brandenburg-Onolzbachisches Geleit." Der Jude hat das Vielfache an Steuern zu zahlen, alles ist Anlaß, ihm Sonderlasten aufzuerlegen. Viele Städte sind ihm überhaupt verschlossen. Noch 1803 kann sich das heilige Köln rühmen, seit 400 Jahren keinen Juden mehr denn eine Nacht in seinen Mauern beherbergt zu haben. Der Jude darf nicht wohnen, wo er will, der Sohn muß, kaum erwachsen, die Heimat verlassen, weil der christliche Bürger die jüdische Konkurrenz fürchtet. Erst mit dem Tod des Vater darf einer der Söhne zurückkommen, wenn er nicht vorher gegen Hergabe seines Vermögens einen Schutzbrief erwirbt, der alle paar Jahre gegen hohe Summen erneuert werden muß. Das alles geschieht im Zeitalter der Aufklärung, der Duldung, der Philosophie. Langsam allerdings regt sich so etwas wie Verständnis. Die Encyclopädie, das Monumentalwerk des Jahrhunderts, enthält einen Artikel über die Juden, der versucht, ihnen gerecht zu werden, dafür Verständnis aufzubringen, warum sie der Verachtung anheimgefallen sind. Aber es folgt kein Wort, das Besserung dieser Dinge verlangt. Der es schrieb, war der aufgeklärteste Mann, der Abgott dieser Zeit, Voltaire, 1760. Friedrich der Große macht keine Ausnahme unter den intoleranten Fürsten seiner Tage. Maria Theresia, sonst so ehrbar und tugendhaft, treibt es besonders schlimm. Und keiner ist unter den Juden, der aufsteht und gegen diese Schmach spricht. Sie sind müde geworden, mürbe, die Regsamkeit des Geistes ist mechanischem Talmudstudium gewichen. Sie sind gleichgültig geworden gegen die Mißachtung der Welt außerhalb der Gasse, sie gehen dem Handel nach und wenn der blüht, ist alles gut. Der Jude ist froh und zufrieden, wenn man ihn nur in Ruhe läßt. Als Mendelssohn als Retter aus dem geistigen Ghetto erscheint, hat er einen ungeheuren, fast aussichtslosen Kamps zu führen gegen die Dummheit, Stumpfheit, Gleichgültigkeit, gegen die Angst seiner Glaubensgenossen. Wer unter den jungeir Juden des Rokoko etwas lernen will, greift nach der Bibel, dem Talmud. Es gibt berühmte Lehrer in den alten Gemeinden, in Prag, am Rhein. Doch die deutsche Sprache wird nur unvollkommen, im Dialekt'der Gegend, mit französischen Brocken vermischt, beherrscht, das Interesse an den geistigen Schätzen der Welt ist gering. Es gibt Juden auf den deutschen Hochschulen, wenige zwar und nur im Westen des Reiches, sie studieren ausnahmslos Medizin. Jede andere Fakultät ist ihnen verschlossen, nicht von den Behörden, sondern von der Aussichtslosigkeit, das erworbene Wissen jemals praktisch verwerten zu können. Auch die jüdischen Aerzte haben es nicht leicht, es bestehen Verbote für die Christen, sich von Juden behandeln zu lassen. Doch niemand kehrt sich daran, die Fürsten gehen mit dem Beispiel voran, nehmen jüdische Leibärzte. Bücher werden geschrieben gegen den Judenarzt, wie „Des Christiani Trewmundts gewissenloser Juden- Doctor, Freiburg 1698", oder „Aufrichtig und unpartheiische Prüfung des dreifachen Beweises, daß die Promotion eines Juden zum Dr. med. gegen die christliche Religion ist, von Dr. I. H. Saggitario und I. F. Rühel, Frankfurt 1756", Schriften neidischer Konkurrenten.