KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 3 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 53 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Mendelssohn an, bewirke eine Illusion, eine holde Täuschung, die dennoch nicht so grob ist, daß sie mit ihrem Vorbild verwechselt werden könnte. Die genaue Nachahmung, die auf Täuschung berechnet ist, erregt sogar Ekel. Wo uns kein sinnliches Merkmal überführt, daß wir ' eine bloße Nachahmung vor uns haben, wie bei Wachsfiguren mit verschiedenen Kleidern, - „vermissen wir mit Widerwillen das Kennzeichen des Lebens, die Bewegung". Vor der Verwechslung mit der Wirklichkeit schützt vor allem die „Materie der Nachahmung", der Marmor, die Leinwand. Die unteren Seelenvermögen allein werden getäuscht, die oberen Seelenvermögen aber durchschauen zur rechten Zeit die Täuschung, sie lösen den Wahn und erhalten die angenehme Empfindung des Betrachtens. Der Begriff der Illusion wurde nach Mendelssohn viel im Schrifttum verwandt. Ein moderner Aesthetiker, Konrad Lange, hat seine Theorie (ohne direkten ^Zusammenhang mit Mendelssohn) auf die Illusion gegründet. Er dehnt ihre Anwendung auf Künste aus, betont ihre Wichtigkeit zentraler als Mendelssohn, der immerhin eine ganze Reihe anderer Prinzipien gelten läßt, und er läßt das Spiel zwischen Wahn und Wahrheit bewußter vor sich gehen, als Mendelssohn annehme. In dieser Theorie liegt die richtige Beobachtung, daß Kunst eine gewisse Distanz vom Stofflichen erfordert. Sie verkennt andererseits, daß die Kunst ihre eigene Realität hat und somit ein selbständiges Glied in der Ordnung der belebten Natur bildet. Es bliebe noch übrig, über die Theorie von den natürlichen und willkürlichen Zeichen und die daraus sich ergebende Einteilung der Künste zu reden. Es würde aber zu weit führen, die Fülle trefflicher Einzelurteile auch nur anzudeuten, in denen er oft reifere Einsichten zeigt, als sein Freund Lessing. Was ihn an Bedeutung hinter Lessing zurücktreten läßt, ist die geringere Geschlossenheit seiner Ansichten, der Mangel einer philosophischen Fundierung, die sich einerseits aus der psychologisierenden Methodik ergibt, die seiner Zeit eigen war, andererseits aus dem Umstand, daß Mendelssohn in der Mitte zwischen den Systemen des Leibniz-Wolffschen Rationalismus und des englischen Sensualismus stand und sich weder nach der einen oder anderen Richtung entscheiden, noch sich zu einer selbständigen Neubildung aufraffen konnte. Dieser Mangel an Entschiedenheit in der Theorie, der seine ästhetischen Ansichten schließlich der Vergessenheit überlieferte, wurde in seiner wertvollen Kritik ersetzt durch Takt und Redlichkeit, durch Sachlichkeit und Offenheit, ohne die eine segensreiche Wirkung der Kritik nicht denkbar ist. Insbesondere ist seines warmen Eintretens für Shakespeare zu gedenken, neben Lessing selbständig und mit eigener Note, womit er als einer der ersten Bahnbrecher des großen Dramatikers in Deutschland auftritt. Dem gewaltigen Genie Shakespeares gesteht er jede Freiheit zu. Vor der Größe seines Geistes verlieren die Regeln ihre Bedeutung. Hier ist das Reich der Phantasie und des frei schaffenden Genius', vor dem die Stimme der Kritik demütig schweigt. Juden im Von Dr. Fritz He Es wird erzählt, wie Moses Mendelssohn zum ersten Male den Hörsaal einer Universität betrat. Gelächter, Hohn, Spott setzten ein, Gaudium für hundert junge Studenten, als der kleine Jude, den schlechten schwarzen Rock um mißgestaltete Glieder hängend, schüchtern in das philosophische Auditorium der Albertina zu Königsberg schlich. Es ist berichtet — doch wissen wir es nicht—, daß das Lachen jäh und in Ehrfurcht erstarb, da Immanuel Kant den Juden bei der-Hand nahm, zum Katheder führte, seinen Namen nannte. Ein Menschenalter später. Der stuck, med. Rautenberg .überbringt im Aufträge des Studenten Schalter dem stuck, jur. Harry Heine aus Düsseldorf, jetzt in Berlin, eine Forderung auf Schläger, die angenommen.und ausgetragen wird. Das im Sommer 1822. Zwei Jahre zuvor hat der Burschenschafter Heine einen Göttinger Corpsstudenten auf Pistolen Rokoko. ymann (Bav.) gefordert, der Rektor zwingt die Gegner zur Revokation. Als Heine dennoch nicht Ruhe gibt, erhält er das eonsilium abeuncki. Die akademische Gleichberechtigung, demonstriert in dieser für die Zeit allein maßgeblichen Form, zu erlangen, haben die Juden nur wenige Jahrzehnte gebraucht. Hundert Jahre darauf und viel ist wieder verloren. Nicht alles. Seit den Tagen Mendelssohns hat sich viel geändert auf deutschen Hochschulen, ein Rückschlag in diese Epoche ergäbe ein skurriles, kaum noch vorstellbares Bild. Blättert man in den Schriften, die von den Rechten und Pflichten der Juden im ausgehenden 18.'Jahrhundert handeln, der Jude als Student erscheint kaum je einmal. Ein paar Namen, Daten, Akten, mehr ist nicht auf uns gekommen. Wir wissen überhaupt wenig vom Leben der Juden im Rokoko, das für sie kein Heldenzeitalter