KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 3 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 52 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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52 mit den Gesetzen der Natur verfährt, wie der Künstler mit den Regeln seiner Kunst, wird es erreichen, daß „sich seine Grundsätze in Neigungen verwandelt haben und seine Tugend mehr Naturtrieb als Vernunft zu sein scheint." Das Verhältnis der Kunst zur Natur stellt sich Mendelssohn zunächst als Nachahmung vor. Die Aehnlichkeit einer Nachahmung mit dem Vorbild birgt in sich eine gewisse Vollkommenheit und erzeugt somit eine angenehme Empfindung. Diese „einfache Vollkommenheit" aber erregt nur einen geringen Grad der Lust und berührt nur die Oberfläche unserer Seele. Wesentlicher und tiefer berührt den Kunstbetrachter das, was der Künstler hinzutut. Die Werke der Kunst erkennt Mendelssohn, sind „sichtbare Abdrücke von den Fähigkeiten des Künstlers, die uns sozusagen seine ganze Seele zu erkennen geben." Es liegt in diesem Satze der Hinweis auf die Wahrheit, daß Kunst Ausdruck des inneren Lebens ist, Gestaltung des Gestaltlosen, wenngleich diese Erkenntnis noch nicht klar bei Mendelssohn gedacht ist. Ihm erregt die Vollkommenheit des Geistes ein „ungemein größeres Vergnügen als die Nachahmung, weil sie würdiger und weit zusammengesetzter ist als jene." Weil die Würde eines vernünftigen Wesens weit erhaben ist über die leblosen Dinge. Die verständig-klare Betrachtung, die Empirie, die von Tatsache zu Tatsache sich weiter tastet, verstattet ihm nicht den Einblick in die tiefer liegenden, dämonischen Schichten der Seele. Wenn Mendelssohn als erste richtige Tätigkeit des Künstlers die Auswahl des Stoffes ansieht, so fordert er nicht die Aussonderung einer (metaphysischen) Entsprechung, sondern die Auswahl des Interessanten und die Ausschließung des Gleichgültigen, Mageren, Unfruchtbaren. And er kommt hier allerdings zu einem empirisch durchaus zutreffenden Resultat, wenn er z. B. in einer Rezension sagt: „Ich glaube, daß alle diese Anruhen in der Natur möglich sind: wer wird aber alles beschreiben, was in der Natur möglich ist." Und er kommt weiterhin zu dem Schluß: „In der Natur kann vieles sein, das in der Nachahmung unnatürlich ist. Ehe die Natur dem Virtuosen als Richtschnur dienen kann, muß sie sich selbst den Regeln der ästhetischen Wahrscheinlichkeit unterwerfen." Die Bearbeitung des natürlichen Vorbildes scheint ihm eine wichtige Aufgabe des Künstlers zu sein. Er fordert sinnfällige Ordnung, welche die Teile zum Ganzen zusammenfaßt. An diesem Punkte wird deutlich, daß die Theorie der Nachahmung zur Begründung. einer ästhetischen Anschauung durchaus ungeeignet ist. Mendelssohn vergleicht den unermeßlichen Plan der Natur, ihre Mannigfaltigkeit, die vom unermeßlich Kleinen bis ins unermeßlich Große sich erstreckt, mit den Absichten des Künstlers, die nicht weitergehen können, als seine Fähigkeiten es zulassen. In seinem eingeschränkten Bezirk wird er vielleicht den idealischen Schönheiten näher kommen als die Natur, die höhere Absichten zu Abweichungen von der Schönheit veranlassen kann. „Was sie in verschiedenen Gegenständen verstreut hat, versammelt er in einem einzigen Gesichtspunkte, bildet sich ein Ganzes daraus, und bemüht sich, es so vorzustellen, wie es die Natur vorgestellt haben würde, wenn die Schönheit dieses begrenzten Gegenstandes ihre einzige Absicht gewesen wäre." Und er kommt zu dem Schlüsse: „Der Künstler muß sich also über die gemeine Natur erheben; und weil die Schönheit sein einziger Endzweck ist, so steht es ihm frei, dieselbe -allenthalben in seinem Werke zu konzentrieren, damit sie uns stärker rühre." Die idealische Schönheit, die durch die Arbeit des Künstlers entsteht, ist Mendelssohn nun nicht nur Darstellung des Schönen. . Lessing, der die Malerei auf die Darstellung schöner Körper verweist, erfährt von ihm den Einwand, daß Schönheit der Formen vielleicht nicht den ganzen malerischen Wert der Körper ausmacht; „denn wie es scheint gehört die Rührung mit dazu." (wobei unter „Rührung" nach dem damaligen Sprachgebrauch jeder Eindruck auf das Gemüt zu verstehen ist). Idealische Schönheit bedeutet schöne Darstellung, und damit ist auch das Häßliche und Charakteristische nicht ausgeschlossen, wenn es nur in einer Form vorgetragen wird, die Wohlgefallen erregt. Die „Nachahmung durch die Kunst" macht auch die schrecklichsten Begebenheiten angenehm, „da ein heimliches Bewußtsein, daß wir eine Nachahmung und keine Wahrheit vor Augen haben, die Stärke des objektiven Abscheues mildert, und das Subjektive der Vorstellung gleichsam hebt. „Es ist wahr", beteuert Mendelssohn, „die sinnliche Erkenntnis und Begehrungskräfte der Seele werden durch die Kunst getäuscht, und die Einbildungskraft so mit fortgerissen, daß wir zuweilen alle Zeichen der Nachahmung vergessen, und die wahre Natur zu sehen wähnen. Allein dieser Zauber dauert so lange, als nötig ist, unserm Begriffe von dem Gegenstände das gehörige Leben und Feuer zu geben. Wir haben uns gewöhnt, zu unserm größern Vergnügen, ' die Aufmerksamkeit von allem, was die Täuschung stören könnte, abzulenken und nur auf das zu richten, wodurch sie unterhalten wird. Sobald aber die Beziehung auf den Gegenstand unangenehm zu werden anfängt, so erinnern uns tausend in die Augen fallende Umstände, daß wir eine bloße Nachahmung vor uns sehen." Die Kunst also, nimmt