KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 3 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 51 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2268830-2268968-2268971--3481-3523883- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
51 M-ses Mendelssohns ästhetische Anschauungen. Von Kurt Eckstein Die populäre Philosophie des 18. Jahrhunderts erhielt ihre Hauptanregung von der englischen Philosophie des common sense. Der gemeine Menschenverstand entscheidet als oberste Instanz über Wert und Unwert. Der einzelne Mensch wird durchaus als selbständiges Individuum gewertet. Damals beginnt die Wirkung der Worte „Freiheit" und „Gleichheit". Das Gemeinschaftsleben lockert sich. Hält in einer solchen Lebensform das anschauliche Element zusammen — die sichtbaren, sinnfälligen Güter der Kultur, die noch dem Kultus nahestehen und sich in Sitten und Gebräuchen auswirken —, so treten in einem Zeitalter minderen Gemeinschastserlebnisses Begriffe an seine Stelle. Im 18. Jahrhundert wird das Recht des Individuums durch den Begriff der Glückseligkeit betont, die Ansprüche der Gesellschaft aber in dem Begriff der Tugend, der seine metaphysische Begründung und schließlich auch seine Einstimmung mit dem Begriff der Glückseligkeit erhält in den Anschauungen der natürlichen Religion. Da alle reine Verstandesarbeit — und die „Natur" jener Zeit lag mehr im Verständigen als im Dämonisch-Lebendigen — dazu neigt, ein Gefühl, sei es in verflachter oder drängend heißer Form, neben sich zu ziehen, so erhalten diese Begriffe einen weichen, schwärmerischen Gefühlston und erwecken jene edle Begeisterung für das Wahre und Gute, die sich uns als eine schöne Blüte dieser im übrigen weder kraftvollen Noch großen Epoche zeigt. Aus dieser Grundanschauung ergibt sich, daß — zumal nach dem Vorgang Platos — das Schöne dem Guten untergeordnet wird. Das Vollkommene ist auch für Mendelssohn ein ethischer Begriff, der nicht durch einen Akt der Anschauung faßbar, sondern nur durch die fortschreitende Erkenntnis der Vernunft begriffen wird. Sie enthält Mannigfaltigkeit, aber, wenigstens für den eingeschränkten Verstand des Menschen, nicht Einheit, sie zielt nicht auf Schönheit und nicht auf Leichtigkeit der Bewegung, sondern auf Zweckmäßigkeit im Rahmen der großen Natur, die im ganzen zu überschauen uns nicht gegeben ist. Schönheit findet sich nur an der Oberfläche der Dinge, und sie bedeutet Mendelssohn ursprünglich nur ein Zugeständnis an die „Schwachheit des Irdischen." „Wie sehr", heißt es noch in den Briefen „lieber die Empfindungen", „würde der Schöpfer seinen Zweck verfehlt haben, wenn er nichts als Schönheit gewesen wäre." Mit einer Leibnizschen Wendung nennt er sie die „undeutliche Vorstellung einer Vollkommenheit". Erst später befreit er sich von der Geringschätzung (Rhen.-Sil., Sax.) der unteren Seelenvermögen, deren Bereich er die Kunst zuweist, durch die sachlichere Definition: - „Ist die Erkenntnis dieser Vollkommenheit sinnlich, so wird sie Schönheit genannt." Erkenntnis ist aber nicht nur sinnlich, „wenn sie von den äußeren Sinnen empfunden wird, sondern überhaupt, so oft wir von einem Gegenstände eine große Menge von Merkmalen auf einmal wahrnehmen, ohne sie deutlich auseinandersetzen zu können". Mit dieser Formulierung verbindet sich eine vorurteilsfreie Beurteilung des Schönen. Die „verständliche Vollkommenheit" bleibt immer übergeordnet, sie „erleuchtet die Seele und befriedigt ihren ursprünglichen Trieb nach bündigen Vorstellungen. Wenn sie aber die Triebfedern des Begehrungsvermögens in Bewegung setzen soll, so muß sie sich in eine Schönheit verwandeln, die einzelnen Begriffe der Mannigfaltigkeit müssen ihre ermüdende Deutlichkeit verlieren, damit das Ganze in desto verklärterem Lichte hervorstrahlen könne." Hier ist die Schönheit nicht mehr dem Vollkommenen so weit unterlegen wie die menschliche Eingeschränktheit der Größe der Natur, sondern sie wird zur hilfreichen Schwester des Guten. Mendelssohn wendet sich jetzt überall gegen das Moralisieren in der Kunst, er beanstandet vollkommen tugendhafte Charaktere in der Dichtkunst, zumal wenn sie in einem Werke in so großer Zahl auftreten, daß aus der Einheit in der Mannigfaltigkeit eine ermüdende Einerleiheit wird. Die Kunst soll mit ihren eigenen Mitteln wirken, und ihr Antrieb führt, wenn auch auf anderen Wegen, zum gleichen Ziel. Als Beispiel billigt Mendelssohn der Kunst in der Ausübung sogar größeren Nutzen zu als der Maxime, wenngleich sowohl die Nützlichkeitserwägung als auch die Einschränkungen, daß das Beispiel überflüssig wird, wenn der Lehrsatz begriffen ist, die alte Rangordnung zuungunsten des Schönen wieder ausrichten. Aber wir sehen Mendelssohn auf dem Wege, den später Schiller beschritt, wenn er die Schönheit den „beseelenden Geist" nennt, „der die spekulative Erkenntnis der Wahrheit in Empfindungen verwandelt und zu tätiger Entschließung anfeuert". Ganz ähnlich fordert Schiller, daß der Weg zum Kopfe durch das Herz geöffnet werden muß. In diesen Formulierungen liegt der Hinweis auf die „vollkommene Harmonie" der unteren und der oberen Seelenkräfte, und auch auf ethischem Gebiet vermeiden Schiller nach Kant und Mendelssohn vor Kant den Rigorismus des Königsberger Philosophen, der Pflicht und Neigung für unvereinbar hält. Eine fortgesetzte Hebung, so glaubt Mendelssohn, die